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Schlesien heute 9/2008

Wachsendes Interesse an Schlesien.
Im Gespräch: Dr. Markus Bauer, Direktor
des Schlesischen Museums zu Görlitz


Wie wird das Schlesische Museum heute von den Schlesiern, deutschen und polnischen, aber auch internationalen Besuchern der Stadt angenommen? Wie entwickeln sich die Besucherzahlen ?

Das Schlesische Museum nimmt inzwischen einen festen Platz in der Museumslandschaft ein. Unsere Besucherzahl liegt stabil bei rund 24.000 im Jahr, das ist ein sehr gutes Ergebnis für ein kulturgeschichtliches Museum in einer Stadt von der Größe von Görlitz. Wir hoffen aber, diese Zahl mit dem Anwachsen des Tourismus in Görlitz nach und nach noch steigern zu können. Besonders freuen wir uns, dass sich der Anteil polnischer Besucher in den letzten Monaten erhöht hat.

Es kommt jetzt darauf an, einzelne Zielgruppen besser anzusprechen. In den vergangenen Monaten haben wir neue Angebote für Kinder und Jugendliche entwickelt. Als nächstes wollen wir uns gezielt an ältere Besucher wenden. Wichtig ist für uns nicht zuletzt, die große Zahl der Kurztouristen in Görlitz zu erreichen.


Wie wird Schlesien nach Ihren Erfahrungen heute in Deutschland und Polen wahrgenommen? Ist das Interesse an Schlesien gewachsen?

Das Interesse an Schlesien ist kräftig im Wachsen begriffen. Immer mehr Menschen wollen etwas über Schlesien erfahren, obwohl sie selbst oder ihre Vorfahren nicht aus Schlesien stammen. Unter Kulturreisenden ist Schlesien so etwas wie ein „Geheimtipp“ – ein Elsaß des Ostens, das es zu entdecken gilt. Unter ganz anderen Vorzeichen findet die „Entdeckung“ Schlesiens in Polen statt. In Oberschlesien gab es ja schon immer eine ungebrochene regionale Identität. Inzwischen sind auch die polnischen Niederschlesier stolz auf ihr Land und beziehen dabei ganz selbstverständlich die deutschen Traditionen mit ein. Das ist eine Entwicklung, die Hoffnung macht.
 

Auf welche Weise versucht das Schlesische Museum den herausragenden kulturhistorischen Beitrag der Schlesier der breiten Öffentlichkeit nahezubringen?

Mit den Mitteln eines Museums, d.h. in erster Linie über Ausstellungen. Die ständige Ausstellung informiert ja über die wichtigsten Künstler, Literaten und Persönlichkeiten des historischen Lebens. In Sonderausstellungen kann man auch auf Schlesier eingehen, die weniger bekannt sind. So werden wir im nächsten Jahr in einer Überblicksausstellung den Beitrag schlesischer Künstlerinnen zur Kunstgeschichte des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts beleuchten. Ferner wollen wir zwei einflussreiche Politiker und Parlamentarier aus Schlesien vorstellen: den großen Zentrumsmann Carl Ulitzka, in der Zeit der oberschlesischen Volksabstimmung der deutsche Gegenspieler Korfantys, und den Sozialdemokraten Paul Löbe aus Breslau, 1933 letzter frei gewählter Präsident des Reichstags und 1949 Alterspräsident des ersten deutschen Bundestages.

 
An welchen besonderen Vorhaben arbeiten Sie zur Zeit?

Im Augenblick bereiten wir eine Audio-Führung durch die ständige Ausstellung des Schlesischen Museums vor. Sie wird im kommenden Frühjahr zur Verfügung stehen, in Deutsch, Polnisch und Englisch. Außerdem wird es eine Führung für Kinder und eine musikalisch-literarische Führung geben. Damit haben auch Einzelbesucher die Möglichkeit, mit fachkundiger Führung durch das Museum geleitet zu werden. Unter den Ausstellungsprojekten der nächsten Jahre ragen zwei heraus: unser Beitrag zur Landesausstellung 2011 und danach eine große internationale Ausstellung zum Thema „Adel in Schlesien“, die wir mit deutschen, polnischen und tschechischen Partnern planen. Hier werden gerade vorbereitende Gespräche geführt und erste Festlegungen getroffen. Diese Ausstellung wird für uns das große Projekt der nächsten Jahre werden.


Inwieweit ist das Schlesische Museum zu Görlitz in die Vorbereitung der via-regia-Ausstellung eingebunden, die 2011 in Görlitz präsentiert wird?

Die Landesausstellung wird ja von den Staatlichen Kunstsammlungen ausgerichtet, aber die drei großen Görlitzer Museen sind intensiv an der Vorbereitung beteiligt. Das Schlesische Museum wird einen eigenen Beitrag leisten, eine Ausstellung im Schönhof, die den Arbeitstitel „Städte in Bewegung“ trägt und das zentrale Thema der Via-Regia-Ausstellung für die jüngste Geschichte von Görlitz und Zgorzelec, für die Zeit von 1933 bis heute, behandelt. Es geht in dieser Ausstellung um den dramatischen Bevölkerungswechsel in Folge von Krieg, Flucht und Vertreibung, von Diktatur und Verfolgung, von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen. Im Mittelpunkt sollen persönliche Lebenswege und Erinnerungen stehen, und wir denken, dass sich viele Menschen aus Görlitz und Zgorzelec in dieser Ausstellung wiederfinden werden.


Sind Sie mit der Attraktivität und dem Umfang der inzwischen im Schlesischen Museum zu Görlitz präsentierten Exponate zufrieden ? Sind hier in naher Zukunft kostbare Neuerwerbungen zu erwarten?

Wenn man bedenkt, dass wir erst vor zehn Jahren angefangen haben, systematisch zu sammeln, sind wir –finde ich – schon recht weit gekommen. Aber natürlich ist eine Museumssammlung immer auf Zuwachs angelegt. Und Museumsleute sind von Berufs wegen gierig und bekommen nie genug. Ja, es sind, wenn alles gut geht, in naher Zukunft einige spektakuläre Neuerwerbungen zu erwarten. Aber die Sache ist noch nicht ausgegoren und ich kann noch nicht darüber sprechen.


Auch in Kattowitz, Breslau und Troppau werden inzwischen zum Teil recht ehrgeizig Schlesische Museum ausgebaut, und im Rheinland existieren zwei weitere museale schlesische Einrichtungen. Wächst da nicht ein Konkurrenzdruck?

Schlesien ist zu bedeutend und zu vielfältig, als dass man es einem Museum allein überlassen könnte. Ich freue mich, wenn sich auch anderswo Museen mit Schlesien beschäftigen. Konkurrenz machen wir uns nicht, weil die Einrichtungen räumlich ja weit auseinander liegen und ganz eigene regionale und inhaltliche Schwerpunkte setzen. Nein, im Gegenteil: Wir profitieren von einander und nutzen die vielfältigen Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Große Hoffnungen setze ich beispielsweise auf Leszek Jodliński, den neuen Direktor des Schlesischen Museums in Kattowitz, den Sie in der letzten Nummer von „Schlesien Heute“ vorgestellt haben - einen Kollegen, den ich schätze und bewundere. Ein weiterer Vorteil ist: das Schlesische Museum kann seine Ausstellungen auch noch anderswo zeigen und erreicht weitere Besucher. Alle fünf von Ihnen genannten Museen übernehmen in diesem und im kommenden Jahr Ausstellungen aus Görlitz.


Welche Möglichkeit besteht für Schlesier und begeisterte Besucher, das Schlesische Museum in Görlitz zu unterstützen?

Reden Sie gut über uns, werben Sie für das Schlesische Museum, für Görlitz und für Schlesien ! Aber wer mehr tun will: Wir haben einen sehr rührigen Förderverein, der sich über neue Mitstreiter freut und vielfältige Möglichkeiten bietet, sich zu engagieren. Zunehmend zieht sich der Staat aus der Kulturförderung zurück. Bürgerschaftliches Engagement wird da immer wichtiger. Das gilt nicht nur für das Einwerben von Spenden – aber auch das spielt natürlich eine Rolle. Schließlich: manche alten Erbstücke, die in schlesischen Familien bewahrt werden, wären vielleicht auf Dauer in einem Museum besser aufgehoben. Wer uns hilft, unsere Sammlung auszubauen und um neue Facetten zu erweitern, unterstützt die Museumsarbeit auf ganz besondere Weise.


Auf welche Weise kann das Schlesische Museum zu Görlitz die vielen Schlesiervereine im Bundesgebiet bei der kulturellen Breitenarbeit oder auch bei den Bemühungen zur Erhaltung der Schlesischen Mundart unterstützen?

Die kulturelle Breitenarbeit ist ja vor allem die Aufgabe des Kulturreferenten für Schlesien, dessen Stelle am Schlesischen Museum angesiedelt ist. Das ist für das Museum eine wichtige Bereicherung. Herr Dr. Parak führt eine große Zahl von Vortragsveranstaltungen, Tagungen, Kulturreisen und andere Veranstaltungen durch, in Görlitz und außerhalb, häufig gemeinsam mit schlesischen Gruppen und Vereinen. Wer Unterstützung braucht, kann sich jederzeit an ihn wenden. Er freut sich über Anregungen.


In den vergangenen Jahren wuchs die Sorge über die Zukunft unzähliger schlesischer Sammlungen und Heimatstuben, die angesichts des allmählichen Abtretens der Erlebnisgeneration der Vertriebenen zunehmend mit personellen und finanziellen Engpässen zu kämpfen hatten. Es wurde auch über eine neue weitere museale Einrichtung zur Rettung und Präsentation dieser Sammlungen in Görlitz diskutiert. Was ist daraus geworden?

Das Schlesische Museum pflegt seit Jahren die Zusammenarbeit mit den schlesischen Heimatstuben und kennt ihre Situation gut. In einer großen Kampagne 2000/ 2001 haben wir sie alle bereist und ihre Bestände gesichtet. Im letzten Jahr haben wir erneut eine Erhebung gemacht, um herauszufinden, welche Einrichtungen bedroht sind und Hilfe benötigen. Wir raten den Heimatstuben, nach langfristigen Lösungen an ihren angestammten Standorten zu suchen, etwa in Zusammenarbeit mit städtischen Museen, Archiven oder Bibliotheken. Die meisten Heimatstuben gehen diesen Weg. In Zweifelsfragen sind wir gern zu Rat und Hilfe bereit. Gerade bereite ich ein Projekt vor, dass dazu führen soll, der Heimatstube der Brieger eine dauerhafte Zukunft in Goslar zu sichern. Wenn alle Stricke reißen und Bestände gesichert werden müssen, stehen wir bereit – gemeinsam mit anderen Einrichtungen wie Haus Schlesien, dem Oberschlesischen Landesmuseum, der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne oder dem Lastenausgleichs-Archiv in Bayreuth. Von einer Konzentration aller Heimatstuben in einem neuen Museum, ob in Görlitz oder anderswo, halte ich nichts. Ein zweites Schlesien-Museum in Görlitz wird es jedenfalls nicht geben. Dafür fehlt jede öffentliche Unterstützung.


Unterstützung benötigt eventuell auch das von der verstorbenen Frau Ingrid Vettin-Zahn unweit des Schlesischen Museum in der Görlitzer Altstadt eröffnete Rübezahl-Museum, um das es inzwischen sehr still geworden ist. Wie geht es heute weiter mit dieser Einrichtung?

Wir haben Herrn Vettin, dem Witwer der Museumsgründerin, unsere Hilfe angeboten, damit das Rübezahl-Museum wieder eröffnen kann. Derzeit suchen wir gemeinsam nach einem Modus der Kooperation. Ich bin sehr optimistisch, dass das Rübezahl-Museum schon im nächsten Jahr wieder Besucher empfangen kann.

(Sh)