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Das Museum an der Grenze

Polen blicken skeptisch auf das Zentrum gegen Vertreibungen, das in Berlin entstehen soll. Wenn jedoch dieses Zentrum mit solchem Takt wie das Schlesische Museum über die deutsch-polnische Geschichte berichten wird, dann gibt es keinen Grund zur Sorge.

von Przemysław Kucharczak

„Gość Niedzielny“ (Der Sonntagsgast), 24.02.08

(Übersetzung)

Man muss nur die Grenzbrücke in Zgorzelec überqueren und in Görlitz etwa einen Kilometer bis zum Untermarkt gehen. Gegenüber dem Rathaus steht das schönste Renaissancegebäude der Stadt. Zusammen mit Henio, unserem Fotografen, gehe ich hinein. Und wir befinden uns in einer für uns ungewöhnlichen Ausstellung.

Ungewöhnlich, weil man uns in der Schule schlesische Geschichte nur für die Zeit vom 10. bis 13. Jahrhundert beigebracht hat. Dann gab es ein schwarzes Loch, das sich über 700 Jahre erstreckte. So als hätte Schlesien aufgehört zu existieren. Und dann tauchte Schlesien für das 20. Jahrhundert urplötzlich wieder in den Schulbüchern auf.

Wir beide kamen in Görlitz mit Geschichte in Berührung, die Jahre vorher für uns verboten war. Da sie, den Kommunisten zufolge, zu deutsch war.

Schlesier sterben an Typhus

Wieviel weißt Du über die schreckliche Hungersnot und die Typhusepidemie, die 1848 Tausende von Oberschlesiern dahinrafften? In diesem Museum erfährst Du mehr darüber. In einer der Vitrinen liegt ein unscheinbares Buch aus der Mitte des 19. Jh. Ich drücke einen Knopf und aus dem Lautsprecher kommt plötzlich die Stimme eines Sprechers in bestem Polnisch. Ich höre, dass Oberschlesien damals „eine Elendsprovinz am Rande des Königreichs“ war. Des preußischen Königreichs, natürlich. Als die Regierung die seit sieben Monaten wütende Epidemie nicht unter Kontrolle bringen konnte, schickte sie nach Schlesien ... Soldaten. Jedoch auch den 26-jährigen Arzt Rudolf Virchow, um über die Epidemie einen Bericht zu verfassen. Rudolf beschränkte sich jedoch nicht auf das Sezieren von Leichen. Zum Ärger der Regierung veröffentlichte er seinen Aufsehen erregenden Bericht. Dieses Büchlein liegt nun in der Vitrine.

Was ist daran so Aufsehen erregend? Rudolf Virchow schrieb, die eigentliche Ursache der Epidemie sei „die Ignoranz der Regierung gegenüber der polnischsprachigen Bevölkerung“, die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln und die mangelnde Hygiene, die Verschwendungssucht des Adels und die Geldgier der Fabrikanten. „Gegen diese Epidemie helfen nicht Medikamente, sondern Bildung sowie eine volle und unumschränkte Demokratie“, schrieb er. Am Ende seines Lebens sagte Virchow, damals bereits ein anerkannter Wissenschaftler: „Jene 16 Tage in Oberschlesien waren das entscheidende Ereignis meines Lebens.“

Lachen und Weinen

In diesem Museum sind alle Beschriftungen in deutscher und in polnischer Sprache. Sie berichten über die Schicksale konkreter Menschen. “Hier beobachten wir oft Besucher, die laut loslachen“, sagt Johanna Kutschera, Mitarbeiterin des Museums. Und führt uns zu Lautsprechern, aus denen schlesische Mundart ertönt. Du wählst eine Region Schlesiens aus, drückst den Knopf und hörst z.B. eine alte Frau aus Katscher (Kietrz). Sie erzählt in einem polnisch-schlesischen Dialekt über das Schweineschlachten. Wenn Du Deutsch verstehst, kannst Du auch verschiedene schlesische Dialekte hören, die von deutschen Schlesiern gesprochen wurden. Sie sprechen so völlig unterschiedlich, alle paar zig-Kilometer ein anderer Dialekt. „Im letzten Ausstellungssaal treffen wir dagegen oft ältere Menschen, denen die Tränen kommen“, ergänzt Dr. Martin Kügler, stellvertretender Direktor. „Hier wird das Thema der Vertreibungen behandelt.“

Ja, die Vertreibungen. Diese immer noch eiternde Wunde in den deutsch-polnischen Beziehungen. In der Stiftung, die das Museum gegründet hat, sitzt u.a. auch die Landsmannschaft Schlesien, eine Organisation der deutschen Vertriebenen. Einige ihre Mitglieder äußern sich manchmal in aggressiver Weise über Polen. Deshalb blickten viele unserer Landsleute mit Mißtrauen auf die Errichtung des Museums. Werden die Deutschen sich hier als die Hauptopfer des Zweiten Weltkrieges darstellen? Werden sie hinreichend deutlich machen, dass es gerade die Deutschen waren, die den Dämon geweckt hatten, der sich dann gegen sie wendete und sie 1945 aus ihren Häusern vertrieb?

Die Antwort bilden Reihen von Vitrinen. Darin werden die fanatisch erhobenen Hände bei Aufmärschen der Faschisten in schlesischen Städten des Reichs in der Vorkriegszeit gezeigt; auf einer beleuchteten Karte ist die Dichte der deutschen Konzentrationslager in Schlesien sichtbar; da ist ein Brief vom 3. Juli 1943, geschrieben von einem polnischen Gefangenen im Lager Groß Rosen; die Unterschrift sagt, dass die Gefangenen solche zensierten Briefe nur zwei Mal im Monat verschicken durften, und daß die Empfänger nichts über die wirklichen Bedingungen im Lager erfuhren; daneben ein Foto mit jüdischen Kindern, die in eine Gaskammer in Auschwitz-Birkenau geführt werden.

Du musst an diesen Vitrinen vorbeigehen, um zu den Exponaten zu gelangen, die mit den Vertreibungen zu tun haben. Es ist dürfte kaum möglich sein, deutlicher darauf hinzuweisen, daß die Deutschen selbst die Vertreibungen herbeigeführt haben.

Und was finden wir in der Abteilung „Vertreibungen“? Zum Beispiel alte Koffer. Die Deutschen durften nur einen solchen Koffer mitnehmen. Da sind auch Schlüsselbunde. So zum Beispiel ein Schlüssel für das Gartentor in Obernigk (Oborniki Śląskie), den die Vertriebene Sylvia Prudix übergeben hat. Am Schlüssel der Familie Hertel, wohnhaft in Trebnitz (Trzebnica), Buchenwaldstraße 5, steht eingeritzt das Wort „Haus“. „In dem Augenblick, in dem die Vertriebenen uns die Schlüssel übergaben, hörten sie auf Schlüssel für Häuser zu sein. Sie wurden zu Exponaten“, sagt Johanna Kutschera. „Sehen Sie die Inventarnummern an diesen Schlüsseln? Mit Bedacht stellen wir sie mit aus. Die Menschen, die ihre Schlüssel dem Museum übergeben haben, haben sich innerlich damit abgefunden, dass sie nicht mehr zurückkehren. Dass die Geschichte abgeschlossen ist“, erklärt sie.

Der Mantel von Johannes

Jeder sechste Bewohner von Görlitz ist ein Nachkomme von Vertriebenen aus Schlesien. Die Stadt selbst gehörte jedoch lediglich 130 Jahre zur preußischen Provinz Schlesien. Vorher war sie Jahrhunderte lang Teil der Lausitz.

Vielleicht mag es seltsam erscheinen, dass ein Museum für Schlesien in einer Stadt entstand, von der nicht sicher ist, ob sie in Schlesien liegt. Andererseits, warum nicht? Wenn es Menschen gibt, die das Museum besuchen wollen, dann gibt es offensichtlich einen Bedarf dafür. Oft kommen Polen hierher, denn in Polen gibt es immer noch kein Museum für Schlesien. Das Museum in Kattowitz, das in seinem Namen das Wort „Schlesisch“ trägt, konzentriert sich nicht auf die Geschichte der Region. Es ist eher ein Kunstmuseum mit dem Sitz in Schlesien. Man kann dort eine gute Sammlung von Gemälden polnischer Künstler sehen.

Wir gehen anschließend in einen weiteren Ausstellungsraum des Museums in Görlitz. „Hier erzählen die Objekte ihre Geschichten selbst. Wie dieser in der gläsernen Vitrine liegende Mantel“, sagt geheimnisvoll Dr. Kügler. Ich drücke den Knopf. Der polnische Sprecher legt los und erzählt, dass diesen Mantel um 1910 Johannes Rothe gekauft hatte, ein Bauer aus Wartha (Warta) bei Bunzlau. Es war der einzige Luxus, den er sich im Leben leistete. Er kaufte auch einen Hof, um seine Verlobte heiraten zu können. Sie hatten vier Kinder. Dank dieses Mantels überlebte Johannes, als er im Februar 1944 vor der Roten Armee fliehen musste. Er kam bald in das verwüstete Haus zurück, aber ein Jahr später musste er es erneut verlassen. Er wollte nicht gehen. Und er gab erst auf, als die sowjetischen Soldaten, die die Aktion überwachten, anfingen zu schießen. Bald nach der Vertreibung starb er. „Der Mantel wanderte auf den Dachboden. Anfangs holte man ihn einmal jährlich herunter, um den Weihnachtsmann einzukleiden. Dann wurden die Kinder groß, und der Mantel geriet in Vergessenheit.“, sagt der Sprecher.

Die Mitarbeiter des Museums finden es schade, dass einzelne polnische Journalisten das Museum angegriffen hätten, indem sie einzelne Sätze aus dem Kontext herausgerissen hätten. „Jemand beschwerte sich, dass in der kurzen Beschriftung zu dem Mantel nicht erwähnt wird, dass Johannes durch Schüsse von sowjetischen und nicht von polnischen Soldaten aus dem Haus getrieben wurde“, sagt Johanna Kutschera. „Das wird doch im gesprochenen Text erzählt“, fügt sie hinzu.

Manchmal gibt es auch Einwände von deutschen Vertriebenen. „Wir wollen nicht ein Museum nur für die Vertriebenen sein. Obwohl es manche von ihnen lieber sehen würden, daß wir ihre leidvollen Erfahrungen auf eine mehr emotionale, theatralische Art und Weise präsentieren“, sagt Dr. Martin Kügler. „Wir könnten hier z.B. einen Wagen aufstellen, mit dem sie aus Schlesien flüchteten. Das wäre jedoch eine zu einfache Herangehensweise an das Thema. In diesem Ausstellungssaal beugen sich die Besucher still über die Vitrinen. Gerade die Stille ermöglicht es, sich diesem Thema angemessen zuzuwenden“, glaubt er.

Hans, der Freund von Gienek

Neben dem Mantel hängt eine Kopie des Jesusbildes von Milatyn bei Lemberg. Der Sprecher sagt auf Deutsch und Polnisch: „Auch aus polnischen Ostgebieten wurden Hunderttausende von Menschen vertrieben. Auch die Bilder der Heiligen gerieten in diesen Sog“, höre ich aus dem Lautsprecher. Es stellt sich heraus, dass eine polnische Familie diese Kopie, aus dem Rahmen genommen und zusammengerollt, nach Zgorzelec brachte. Sie hängten sie im Esszimmer des ehemals deutschen Hauses auf, in dem für die Familie ein neuer Lebensabschnitt begann.

In der Nähe liegt ein Brief, den vor kurzem der polnischen Eigentümer unter den Fußbodenbrettern seines Hauses in Oberhannsdorf (Jaszkowa Górna) bei Glatz gefunden hat. Den Brief verfasste am 15. Juli 1940 die katholische Familie Gröger. Sie renovierten damals den Fußboden. Tochter Ellen schlug vor: „Wir könnten doch eine Nachricht verstecken. Wie ein Flaschenpost, eine Botschaft an künftige Generationen.“ Vater Hugo Gröger brachte sofort ein neues Kinoprogramm und die neuesten Nachrichten von der Front. „Er legte eine ältere Zeitung dazu, die er aufbewahrt hatte: vom 31. August 1939, dem letzten Friedenstag“, sagt der Sprecher. Jeder fügte etwas hinzu: die Eltern, Ellen, zwei Cousinen, ihre Freundin aus Breslau. „Das Spiel wurde auf einmal zum Ernst. Die Versammelten schrieben: wir wollen Frieden und Freiheit. Die heutige Diktatur Hitlers ruft zum Himmel nach Vergeltung, und wir beten um Erlösung. Weg mit unseren Peinigern! Nur Dummköpfe haben sie gewählt!“

Hätte sie jemand denunziert, wären die Grögers sofort im KZ gelandet. Die Mitarbeiter des Museum fanden die Enkel von Hugo Gröger. Diese wollen nun wohl das Haus ihres Großvaters besuchen und den heutigen polnischen Eigentümer kennenlernen.

Begegnungen von ehemaligen deutschen Hauseigentümern mit den Polen, denen heute die Häuser gehören, verlaufen unterschiedlich. Manchmal feindlich, manchmal freundschaftlich. Dies hängt vom kulturellen Niveau der einen wie der anderen Seite ab.

Ganz am Ende der Ausstellung des Schlesischen Museums findest Du eine mit Fotos illustrierte Geschichte über ein ehemals deutsches Haus in Kesselsdorf (Kotliska). Es ist weiß, ein Fachwerkbau. Davor verläuft ein hölzerner grüner Zaun. Nach dem Krieg landeten hier Stanislawa und Eugeniusz Kwas, ausgesiedelt aus Poczapińce bei Tarnopol. Eugeniusz war vorher Mitglied des Widerstandes und in Dachau inhaftiert. Trotz dieser Erfahrungen nahm die Familie Kwas mit großer Sympathie Hans Rochner auf, der in dem Haus bis zum Ende des Krieges gelebt hatte. Mit der Zeit entstand eine herzliche Freundschaft. Sie besuchen sich heute mit ihren ganzen Familien. Auf den Fotos im Museum sieht man, wie sie zusammen im Schatten der alten Linde sitzen, vor dem alten Haus in Kesseldorf.