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Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums

Schlesien heißt vor allem: Vielfalt

Der Direktor des Schlesischen Museums plädiert dafür, Schlesien als Region der kulturellen Vielfalt im Bewusstsein zu halten.

Sächsische Zeitung, 12. März 2007: Gespräch der Woche mit Markus Bauer

Selbst Bayerns Innenminister Beckstein hat sich unlängst in die Görlitzer Schlesien-Debatte eingeschaltet und den Zeigefinger gehoben: Das Schlesische dürfe nicht aus dem Kreisnamen verschwinden. Wie viel Schlesisches steckt denn in dem Begriff Görlitz drin?

Sehr viel. Deswegen bedauere ich es, wenn der Begriff Schlesien aus dem Namen des neuen Kreises verschwindet. Allerdings muss man anerkennen: Der neue Kreis reicht weit über Schlesien hinaus. Umso wichtiger wird es sein, dass Görlitz seine schlesische Identität bewahrt. Auch wenn es sich immer nur um eine Teilidentität handelt. Denn es gibt auch ein gutes Stück Oberlausitzer Tradition in dieser Stadt. Ein Namenskonstrukt wie Schlesisch-Lausitzischer Görlitz-Kreis oder Ähnliches kann ich mir nicht vorstellen. Für mich war schon die sprachliche Konstruktion „Niederschlesischer Oberlausitzkreis“ grenzwertig. Ein Kreis Görlitz mit einem schlesischen Görlitz in der Mitte wäre das Richtige.

Wie kann sich Görlitz als eine schlesische Stadt profilieren oder ist sie das ganz einfach?

Sie ist es. Aber dieses Alleinstellungsmerkmal muss in der Außendarstellung immer wieder herausgestellt werden. Speziell auf touristischem Gebiet. Es gibt nicht viele Orte in Deutschland, die sich als schlesische Städte bezeichnen können. Die einzige größere ist Görlitz und das sollte man auch zeigen.

Ist Görlitz mit Blick auf seine Geschichte nun eine schlesische oder eine sächsische Stadt?

Beides und noch mehr. Es ist auch oberlausitzisch und preußisch und ein wenig böhmisch. Dieses Gemisch aus unterschiedlichen Identitäten kennzeichnet Görlitz.

Also eine europäische Stadt?

Ja. Ich halte überhaupt die Verengung auf eine einzige regionale Tradition für eine Stadt mit der Geschichte von Görlitz für falsch und unangemessen.

Wie wird Görlitz in anderen Bundesländern wahrgenommen?

Vor allem als eine schöne, alte Stadt. Ob sie als schlesische Stadt gesehen wird – ich glaube nur bei denjenigen, die sich auskennen. Die etwas über Geschichte wissen und einen näheren Bezug zur Region haben.

Schlesien war immer ein Schmelztiegel von verschiedenen Einflüssen. Ist diese Vielgestaltigkeit, dieses Multikulturelle das typisch Schlesische?

Görlitz stellt so etwas wie einen Mikrokosmos dieser größeren schlesischen Kultur dar. Vielleicht in einem etwas anderen Mischungsverhältnis. Es gibt in Schlesien auch das böhmische Element und das preußische, aber auch das polnische oder slawische. In Görlitz fehlt natürlich das polnische Element, wie andernorts in Schlesien das sächsische fehlt.

Das Wort von der „Landsmannschaft“ klingt für viele befremdlich. Ist der Begriff noch angemessen?

Er ist angemessen für diejenigen, die aus Schlesien kommen oder die sich noch unmittelbar familiär auf diese Herkunft beziehen. Die landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse sind wichtig. Ich würde mir nur wünschen, dass die kulturelle Vielfalt, die das historische Schlesien tatsächlich ausgezeichnet hat, auch im Selbstbewusstsein der Landsmannschaft aufgenommen würde. Das ist nicht immer der Fall. Vielfach versucht man, die slawischen und polnischen Anteile in der schlesischen Geschichte kleinzureden oder ganz zu negieren. Das ist historisch nicht angemessen.

Wie wurde „schlesische Kultur“ bewahrt, wenn die Menschen, die diese Landschaft viele Jahrhunderte lang geprägt haben, plötzlich fliehen mussten oder vertrieben wurden?

Das Besondere im Fall von Schlesien ist tatsächlich, dass der alte Träger dieser Kultur durch die Vertreibung weitgehend entfernt wurde. Das hat es für die neuen Bewohner lange Zeit sehr schwer gemacht, an die Landestraditionen anzuknüpfen.

Neu ist im heute polnischen Schlesien das Interesse an der deutsch geprägten Geschichte dieses Landstrichs.

Es gibt viele Versuche, sich positiv darauf zu beziehen und das deutsche Element tatsächlich als eine Erbschaft aufzunehmen. Das ist in Polen nicht unumstritten. Es gab beispielsweise einen Streit um das 300-jährige Jubiläum der Breslauer Universität. Es gab einflussreiche Stimmen, die sich dagegen aussprachen, den Jahrestag der deutschen Gründung zu feiern. Sie verwiesen darauf, dass die Universität im heutigen Wroclaw die Traditionen der Lemberger Universität fortsetzt. Letztlich haben sich diejenigen durchgesetzt, die den 300. Jahrestag der Gründung der deutschen Universität gefeiert haben. Ich bin gespannt, was in Breslau passiert, wenn in vier Jahren das Jubiläum der Friedrich-Wilhelm-Universität, also der preußischen Universitätsgründung, ansteht. Ich denke, man wird sich positiv darauf beziehen.

Eine der Aufgaben des Schlesischen Museums ist die Brückenfunktion zwischen Deutschland und Polen.

Das ist eine dauernde und sehr komplizierte Aufgabe. Am Anfang habe ich lange gedacht, dass sie fast unlösbar ist. Die verschiedenen Auffassungen und Erwartungen gingen einfach zu weit auseinander. Aber es geht besser als erwartet. Auch wenn hinzunehmen ist, dass wir nicht alle Menschen mit auf unseren Weg nehmen können.

Wie groß ist das polnische Interesse am Schlesischen Museum?

Es wächst kontinuierlich. Wir haben Anmeldungen von Schulklassen und inzwischen einen neuen Polnisch sprechenden Führer eingestellt. Es liegt jetzt an uns, weitere Angebote zu entwickeln.

Parallel artikuliert sich der Wunsch, nach einem etwas gefühligeren Zugang zur schlesischen Tradition und Geschichte. Halten Sie den Wunsch nach einem Heimatmuseum für nachvollziehbar?

Ich weiß von einem derartigen Wunsch nur aus Ihrer Zeitung und wüsste gern mehr davon. Es gibt allerdings das Projekt eines Museums „Schlesische Heimatstuben“. Nach dem Krieg sind in Westdeutschland schlesische Heimatstuben als Treffpunkt für Vertriebene entstanden und in einigen haben sich im Lauf der Zeit kleine Sammlungen entwickelt. Rund 70 bis 80 Heimatstuben sind bis heute erhalten. Manche von ihnen sind wegen des hohen Alters der Verantwortlichen im Fortbestand langfristig gefährdet. Es gibt verschiedene Überlegungen, was zu tun ist, um den Heimatstuben zu helfen.

Trotz des Schlesischen Museums gibt es in Görlitz Vertriebene, denen eine Heimatstube fehlt.

Wir bemühen uns auch um diese Menschen, indem wir Ausstellungen und Veranstaltungen organisieren, die sie ansprechen könnten. Etwa auch zum Thema Flucht und Vertreibung. Wir werden aber nicht alle erreichen. Es wird immer Leute geben, die nicht hinnehmen können, dass in unserem Museum polnische Texte vorkommen. Sie sagen mir ganz deutlich: Das ist ein deutsches Land, ein deutsches Thema – wieso sprechen sie hier polnisch? Diese Leute gehen dann. Andere können nicht ertragen, dass wir auch auf die polnischen und slawischen Elemente in der schlesischen Tradition eingehen oder den Anteil darstellen, den Schlesien in der Geschichte des Nationalsozialismus hatte. Das sind aber einzelne.

Ein Vorwurf lautet, im Museum kommt die Flucht vor, nicht aber die Vertreibung?

Wir stellen Ursache und Wirkung dar. Aber auch das persönliche Erleiden wird an vielen Stellen einfühlsam präsentiert. Das Thema kommt seiner Bedeutung entsprechend zur Geltung. Das Schlesische Museum ist ja kein Vertreibungsmuseum. Unsere Aufgabe ist es, Schlesien, schlesische Geschichte über 800 Jahre darzustellen. Natürlich ist die Vertreibung ein zentrales Thema der schlesischen Geschichte. Es ist eine Art Querschnittsthema. Denn bei allem, was mit der Geschichte Schlesiens zu tun hat, wissen wir, es gab den radikalen Bruch, der mit Krieg und Vertreibung kam. Und ohne Vertreibung würde es auch dieses Museum nicht geben.

Sind Filme wie jetzt der ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ hilfreich?

Sie können es sein, um die Diskussion anzuschieben und Wissen von Vorgängen zu transportieren. Vielerorts weiß die junge Generation nicht viel über diesen Teil der Geschichte, auch wenn Flucht und Vertreibung nun schon seit fünf, sechs Jahren im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung stehen. Für unser Museum bleibt die Vertreibung ein wichtiges Thema, dem wir uns immer wieder mit neuen Methoden und Fragestellungen nähern.

Es gibt auch Argumente dafür, nicht länger in alten Wunden zu stochern, das störe nur auf dem Weg zu einem Haus Europa.

Die deutschen Erfahrungen mit schwierigen und kontroversen Themen zeigen: Was man nicht verarbeitet, worüber man nicht redet und auch streitet, das kommt wieder hoch. Das ist wie bei schlimmen persönlichen Erlebnissen, die man nicht wahrnehmen will. Wer verdrängt, wird davon krank. Das kann auch größeren Gemeinschaften und Gesellschaften so gehen. Nicht aufgearbeitete Geschichte kann zu einem wirklich böse wuchernden Thema werden, das die Atmosphäre vergiftet.

Gespräch: Frank Seibel, Peter Chemnitz