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Schlesisches Museum zu Görlitz - Viele Korrekturen notwendig

Von Rudi Pawelka – Bundesvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien

Schlesische Nachrichten, 01.07.06
Herausgeber Landsmannschaft Schlesien
– Nieder- und Oberschlesien, Nr. 13/06

Lange hatten die Schlesier auf ein Museum für ihre Region gehofft, waren sie doch mit die Letzten, denen diese Einrichtung fehlte. Das Unternehmen stand unter keinem guten Stern, denn der ursprüngliche Standort Hildesheim musste 1990 wegen der ablehnenden Haltung der neu ins Amt gekommenen rot-grünen Landesregierung (Schröder/Trittin) aufgegeben werden. Es war den Initiativen der Landsmannschaft Schlesien zu danken, dass auch die Bundesregierung und das Land Sachsen dem Bau des Museums in Görlitz zustimmten. Dass dabei die Bezeichnung Landesmuseum auf Grund polnischer Einwände verworfen wurde, ist ein zweiter Rückschlag, denn Museen für andere Vertreibungsgebiete dürfen sich Landesmuseum nennen. Und noch ein Rückschlag: War die Landsmannschaft Schlesien bis 2005 als Mitgründer noch im Vorstand vertreten, erfolgte ihr Ausschluss aus diesem Gremium durch Satzungsänderung noch vor der Eröffnung des Hauses. Um so gespannter mussten wir sein, ob die vertriebenen Schlesier sich wenigstens mit dem Inhalt der Ausstellung ohne Wenn und Aber identifizieren können. Auch hier eine Enttäuschung?

Die Zweifel, ob Exponate in ausreichender Zahl überhaupt beschafft werden können, dürften nach einer Besichtigung zerstreut sein. Auch wenn dem Haus keine Räume in den sonst üblichen Ausmaßen zur Verfügung stehen, so wird der Besucher durch das besondere Ambiente des alten Schönhofs entschädigt. Er findet eine nach modernen Gesichtspunkten gestaltete Präsentation, die beeindruckend ist und wesentliche Bereiche der schlesischen Geschichte umfasst, so die wirtschaftliche Entwicklung, die Kunst und die Kultur, sowie die Wissenschaft. Es wird viel über Schlesien vermittelt, ein Land, das zu lange für viele aus dem Gedächtnis gerückt war. Sieht man näher hin, wird dieses positive Bild für Schlesienkenner allerdings getrübt. Vieles wird verzerrt dargestellt, falsch gewichtet oder Wesentliches ausgelassen. Auch absolut Falsches findet sich. Die Landsmannschaft Schlesien hatte im August 2004 nach Kenntnis der Leitlinien einer Konzeption und der Museumskonzeption selbst Stellung genommen und Korrekturen eingefordert. Leider mit wenig Erfolg. So waren die politische Zielsetzung und der erzieherische Ansatz abgelehnt worden, denn den mündigen Bürger in ein vorgegebenes Denkschema pressen zu wollen, passt nicht in einen demokratisch verfassten Staat. Die Präsentation in einem Museum hat sich auf eine wahrheits- und sachgetreue Information zu beschränken, aus der die Besucher selbst ihre Schlussfolgerungen ziehen können. Die Anpassung des Inhalts an die politisch verfolgte Absicht, so unsere Forderung, hat deshalb zu unterbleiben. Leider wurde dem nicht gefolgt.

Nur in einigen Punkten gab es Korrekturen. Auschwitz sollte Thema sein, wurde berechtigterweise aber auf Grund unserer Intervention herausgenommen. Auschwitz gehörte zwar bis in das späte Mittelalter zu Schlesien und wurde 1942 durch die Regierung des Dritten Reiches wieder angegliedert, hat aber mit der kulturellen Entwicklung Schlesiens nichts zu tun. Wieso sollte dieses Problem in die Ausstellung?

Warum ein ganzer Raum dem Nationalsozialismus in Schlesien gewidmet werden musste, erschließt sich dem Besucher eines Museums nicht. Wir hatten darauf aufmerksam gemacht, dass es in Schlesien keine besonderen Entwicklungslinien zum Nationalsozialismus gegeben hat, die signifikante Unterschiede zu anderen deutschen Regionen deutlich machen konnten. Unsere Forderung war, die Darstellung der Parteienlandschaft ohne verengenden Blick auf eine Partei. In dem Raum ständig quäkende Stimmen von Nazi-Größen zu hören, entspricht sicher nicht dem Anspruch vieler Besucher. Die Erinnerung an große Persönlichkeiten Schlesiens, die Opfer des NS-Staates wurden, ist dagegen ein Muss. Wir Schlesier können stolz sein auf das Wirken von Edith Stein, Dietrich Bonhoeffer, Helmut James Graf von Moltke und Paul Löbe. Allerdings hätte ich mir gewünscht, wenn ein Gedenken beim Betrachten dieser großen Schlesier nicht von Propagandareden der NS-Führer gestört würde. Das Schicksal der jüdischen Schlesier zu dokumentieren, ist ebenso Pflicht. Sie haben dem Land viel gegeben, sie gehören zu Schlesien. Es fehlt jedoch der zweite Akt des an ihnen begangenen Unrechts. Überlebende des Holocaust wurden von Polen bei der Vertreibung genauso menschenverachtend behandelt wie andere Deutsche. Wieso wird Polen geschont? Die Landsmannschaft Schlesien hatte empfohlen, zur Vermeidung einseitiger Gewichtungen auch ein Kapitel „Schlesien unter kommunistischer Diktatur“ einzufügen. Zwei Diktaturen haben Schlesien in besonderer Weise verändert, keine darf ausgeklammert werden. Der Umbruch in Schlesien 1945 und der Kontext zur Vertreibung kommen zu kurz.

Zu dürftig ist ebenfalls die Darstellung des Themas „Flucht und Vertreibung“ in einem Raum gleicher Größe wie dem über die NSZeit, der außerdem noch die Integration der Vertriebenen und auch das Schicksal polnischer Neusiedler aufnimmt. Die Vertreibung der Deutschen wirkt, gemessen an dem tatsächlichen Geschehen, in der Darstellung verharmlosend. Präsentiert wird zwar der Vertreibungsbefehl aus Bad Salzbrunn, die Vertreibungsdekrete der polnischen Regierung bleiben aber außen vor. Auch die Verantwortlichen für dieses Verbrechen an der Menschlichkeit werden nicht genannt. Es finden sich weder Opferzahlen noch werden die Methoden der Vertreibung oder die Behandlung der Deutschen bis zur Vertreibung thematisiert. Zwangsarbeit und Lagerhaft sind nur im Fall Lager Lamsdorf angesprochen, das aber beschönigend, indem nur von einigen hundert Toten die Rede ist. In Verbindung mit den polnischen Neusiedlern erscheint die Vertreibung fast wie ein normaler Aus- und Einzug, die völkerrechtliche Dimension sucht man vergeblich.
Leider scheint es den Verantwortlichen auch an politischem Grundwissen zu fehlen, denn auf einer Tafel wird behauptet, die Bundesrepublik Deutschland habe 1970 im Warschauer Vertrag die Oder-Neiße-Linie anerkannt.

Der Direktor des Museums, Dr. Markus Bauer, betonte nach einer Zeitungsmeldung der Sächsischen Zeitung vom 9. Mai 2006, Absicht der Dauerausstellung sei es auch, „Erfahrungen von Vertriebenen zu korrigieren und polnische Aspekte stärker zu betonen“. Diesem Leitgedanken folgend finden sich dann auch Falschdarstellungen und Verzerrungen, von denen einige genannt werden sollen. Es beginnt in der Frühgeschichte. Es werden nur slawische Stämme genannt, nicht aber die germanischen Wandalen bzw. Silinger, von denen auch im Rahmen der Völkerwanderung einige Wenige im Land blieben. Die Herkunft des Namens Schlesien hätte mit den Silingern in Zusammenhang gebracht werden müssen, unterblieb aber ganz. Dass Polen gegen den Widerstand der Bevölkerung (vor allem der Breslauer) um das Jahr 1000 als Eroberer das Land unterwarf und nie über ganz Schlesien herrschte (z.B. nicht über die Grafschaft Glatz), solche Feinheiten fehlen. Es bleiben unerwähnt die entscheidenden Verträge von Quedlinburg (1054) und vor allem von Trentschin (1335), in denen die Tributpflicht Polens bezüglich Schlesiens gegenüber Böhmen bzw. der endgültige Verzicht polnischer Ansprüche auf Schlesien gegenüber Böhmen geregelt wurden. Wenn es in der Ausstellung heißt, „bis ins 14. Jahrhundert stellte die Familie der Piasten die Herrscher Polens, auch danach spielten sie in der schlesischen Geschichte eine wichtige Rolle“, so fragt man sich, wie das nach 1335 noch sein konnte. Wenn den polnischen Piasten zugeschrieben wird, sie hätten das Land (Schlesien) geöffnet, so trifft dies nicht zu. Geöffnet wurde das Land für Deutsche von schlesischen Piasten, die zuvor von polnischen Piasten vertrieben worden waren, nach 17 Jahren Exil in Deutschland durch das Einwirken des deutschen Kaisers Friedrich I. (Barbarossa) zurückkehren durften und 1163 das selbständige Herzogtum Schlesien begründeten. Es ist auch ein Mangel der Ausstellung, dass die prägende Wirkung der Klöster und Kirchen für die Kultur Schlesiens wenig beachtet wurde, ebenso die der großen Schlossanlagen.

„Jahrhundertelang war deutsch als Landessprache vorherrschend, aber es wurde auch polnisch, mährisch, tschechisch und jiddisch gesprochen“, heißt es auf einer Tafel. Der vertriebene Schlesier soll hiermit wohl „in seiner Erfahrung korrigiert werden“ und weiß nun, dass er aus einem gemischtsprachigen Land kam. Kein Franzose oder Italiener würde sich dazu versteigen zu sagen, dass seine Sprache nur „vorherrschend“ ist. Merkwürdig wäre auch die Feststellung, dass in Deutschland die deutsche Sprache vorherrschend ist, aber auch türkisch, sorbisch und ca. weitere 100 Sprachen gesprochen werden. Schlesien als multikulturell darzustellen, ist verfehlt. Wo gibt es Zeugnisse polnischer oder tschechischer Bauten, die von der Kultur dieser Völker in Schlesien zeugen? Wo sind sonstige prägende kulturelle Einflüsse? Wenn es sie gibt, sollten sie nicht verschwiegen werden, schließlich renommieren wir Deutschen auch mit kulturellen Zeugnissen der Römer.

Die polnische Sicht dominiert vor allem auch bei der Darstellung der Geschehnisse  in Oberschlesien nach dem 1. Weltkrieg. „Dreimal versuchten polnische Aufständische mit militärischen Mitteln Fakten zu schaffen“, heißt es wörtlich. Verschwiegen wird dabei der Überfall regulärer polnischer Truppen in Stärke von ca. 50.000 Mann am 5./6. Mai 1921 auf das deutsche Oberschlesien. Richtig wiedergegeben ist zwar das Abstimmungsergebnis, aber es fehlt der Hinweis auf die 31/2 Landkreise, in denen nicht abgestimmt wurde. Wer durfte nach Festlegungen der Alliierten überhaupt abstimmen? Viele polnische Arbeitsmigranten, vielfach gar nicht mehr im Land, zählten dazu. Die Rolle des polnischen Führers Korfanty wird verklärt. Da er die Wiederherstellung Polens unter Einschluss aller von Polen besiedelter Gebiete wollte – war er Zielscheibe deutscher Propaganda, wird gesagt. Was ist mit tausenden deutscher Opfer, die Korfanty zu verantworten hat? Würde man über einen Serbenführer Karazic auch so sprechen? In welcher Situation die Deutschen in dem 1922 abgetrennten Ostoberschlesien verblieben, bleibt weitgehend im dunkeln. „Polnische Behörden verletzten immer wieder die Rechte der deutschen Minderheit“ ist die einzige Aussage hierzu. Dass aus Gesamtpolen ca. 1 Million Deutsche flüchteten oder ausgewiesen wurden, darunter auch viele Oberschlesier, über die Schikanen, den Eigentumsverlust vieler, über Gewalt bis hin zu Morden, erfährt man nichts. Wie war die kulturelle Situation dieser Deutschen? Durften sie in deutschen Vereinen sein, ihre Kultur pflegen?

Dass es auch politische Einflüsse sind, die teilweise zu einem Zerrbild Schlesiens und seiner Geschichte führen, dürfte nach den Aussagen des Museumsdirektors anzunehmen sein. Letztlich auch, weil auf die meisten Einwände der Landsmannschaft Schlesien nicht reagiert wurde. So ergibt sich der Eindruck einer politischen Instrumentalisierung des Museums. Manche Mängel werden aber auch auf fehlende Sachkunde zurückzuführen sein. Im wissenschaftlichen Beirat sitzen zwar in ihren Fachgebieten anerkannte Wissenschaftler, Schlesienkenner sind sie offensichtlich alle nicht. Wir hatten leider nicht die Möglichkeit, Sachkundige in dieses Gremium zu entsenden. Es bleibt nur die Hoffnung auf die Einsicht in notwendige Korrekturen.