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Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

Predigt zum ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Eröffnung des Schlesischen Museums zu Görlitz in der Kirche St. Peter und Paul

Jesaja 12,1-6

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Schlesiens Geschichte kennt kein Amen! So haben wir es gerade bei der feierlichen Eröffnung des Schlesischen Museums gehört. Es gibt für sie kein Ende, keinen Schlussstrich, keinen Abbruch. Das soll in diesem Satz zum Ausdruck kommen. Aber gibt es für sie wirklich kein Amen? Dieses Amen klang auf, als Professor Tomaszewski uns das Bild der beiden Glogauer vor Augen stellt, die einander begegneten, der eine vor dem Ende des Krieges, der andere danach geboren. Nach dem Augenblick des Erstaunens lagen sie einander in den Armen. Professor Tomaszewski aber sagte zu ihnen: Ihr seid beide Schlesier und beide Europäer. Und das ist wahr. »Amen« sagte er damit; denn dieses Wort bedeutet: Es ist wahr, es werde wahr.

Dieses Amen gehört zur Geschichte Schlesiens. Von diesem Amen wollen wir uns leiten lassen. Dieses Amen weist uns die Richtung, wenn wir in diesem Gottesdienst fragen, ob es einen Königsweg, eine Via Regia, nach Europa gibt.

Gibt es eine Via Regia nach Europa? Wir stellen diese Frage in Görlitz, der Brückenstadt an der Neiße, der heute zusammen mit ihrer Zwillingsstadt Zgorzelec noch eine ganz andere Brückenaufgabe zukommt als in früheren Zeiten ihrer Geschichte. Wir alle wissen, warum die Grenze Polens nur wenige hundert Meter von hier verläuft und warum Schlesien heute größtenteils in Polen liegt. Hätte es nicht jenen Amoklauf der deutschen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert gegeben, so würden wir an diesem Samstag wohl nicht die ständige Ausstellung des Schlesischen Museums im Schönhof zu Görlitz am Rande des alten Schlesien eröffnen. Wir tun es in Dankbarkeit für den Weg der Versöhnung, der möglich geworden ist. Wir tun es im Geist der Versöhnung.

Wann immer ich in dieser bewegten Zeit in Görlitz sein kann, wird mir deutlich, dass sich Görlitz auf einem guten und beachtlichen Weg befindet. Die Bewerbung um den Titel der Kulturhauptstadt Europas hat der Stadt gut getan. Sie hat dabei gezeigt, was sie ohnehin schon ist: eine europäische Kulturhauptstadt. Die neu entstandenen Partnerschaften und die Bereitschaft zum Aufbruch machen die Stadt an der Neiße noch interessanter. Aber über den Tag hinaus bleibt in dieser Stadt und in ihrem Schlesisches Museum die Frage zu stellen, die jedoch nicht ins Museum verbannt werden darf: Gibt es einen Königsweg, eine Via Regia, nach Europa?

Die Via Regia war eine der bedeutendsten europäischen Handelsrouten des Mittelalters. Ihre Spuren finden sich heute von West nach Ost in fünf Europäischen Staaten. Spanien, Frankreich, Deutschland und Polen sind Mitglied der Europäischen Union. Die Ukraine, das fünfte Land, hat in ihrer jüngsten Entwicklung einen großen Schritt hin zur Annäherung an die Europäische Union unternommen.

Wer die Via Regia, den Königsweg nach Europa sucht, tut gut daran, innezuhalten und sich der christlich-jüdischen Wurzeln Europas zu vergewissern. Deshalb feiern wir heute einen ökumenischen Gottesdienst. Wir treten vor Gott und bitten ihn um seinen Segen für unsere persönliche Lebensreise wie für die gemeinsame Orientierung, nach der wir so dringlich Ausschau halten. Wir hören auf Gottes Wort und bemerken, wie schnell es geht, dass wir uns unheilig auf den Weg machen. Gottes Zuspruch und sein Anspruch auf unser ganzes Leben geben unserem Dasein die Maße des Menschlichen. Jesus Christus hat diese Einsicht einladend und zugleich mahnend formuliert »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.« Von Gottes Güte getragen und bejaht können wir jeden Tag neu den Königsweg unseres Leben betreten. Der Aufblick zu Gott richtet uns auf, so dass wir die nächste Tagesreise antreten können. Der Psalmist sagt es ganz praktisch – und das sei auch unsere Bitte: »Herr, dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.«

Die Erfahrung von Vertreibung und Beheimatung ist hier in Görlitz gegenwärtig; sie ist ein Teil der schlesischen Geschichte. Gegenwärtig ist sie auch im Buch des Propheten Jesaja, das man deshalb das Trostbuch des Volkes Israel genannt hat. Wir hören noch einmal auf die Worte aus dem 12.Kapitel des Jesajabuchs: »Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.«

Die Treue zu Gott erwies sich als der Königsweg Israels. Die Hoffnungen, die Israel mit einer starken Herrscherdynastie verband, waren trügerisch. Sie wurden brüchig wie dünnes Eis im Frühling. Zwar führten David und Salomon Israel zu einer gewissen Stabilität, doch ihre Nachfolger trieben das kleine Land in gefährliche Koalitionen, so dass sie im Kampf zwischen den Großreichen Ägypten und Assyrien und später zwischen Ägypten und Babylon zerrieben wurden.

Die Assyrer eroberten im Jahr 723 vor Christi Geburt Samaria, die Hauptstadt des Nordreiches. Große Teile der Bevölkerung wurden in entlegene Provinzen des assyrischen Großreiches deportiert. Zugleich siedelten die Assyrer andere Fremdvölker im Norden Israels an. Im Jahr 701 belagerten sie Jerusalem, zogen jedoch aus ungeklärten Umständen wieder ab. Kurz darauf fiel das assyrische Großreich in sich zusammen, und die Babylonier erhoben sich zur neuen Großmacht. Sie eroberten Jerusalem, legten die Stadt samt Tempel in Schutt und Asche und führten die oberen Zehntausend in die Verbannung.

Zu diesem biblischen Lehrstück über Vertreibung und Deportation tritt als atemberaubende Gegenerfahrung der weitere Weg des Volkes Israel hinzu. Israel hörte nicht auf zu existieren. Es gelang den Israeliten, die eigene Identität auch in Fremde zu bewahren. Gerade als sie an den Flüssen Babels saßen und weinten, erwies sich ihre Treue zu Gott als der Königsweg, der erneut nach Jerusalem führen sollte. Das Großreich Babylon hielt keine tausend Jahre. Und der neue Herrscher, der Perserkönig Kyros, gestattete den deportierten Völkern die Rückkehr in ihre jeweilige Heimat. Indem er Glasnost und Perestroika betrieb, ermöglichte er auch dem Volk Israel eine neue Beheimatung in Jerusalem. Sie kehrten heim und machten sich daran, die zerstörte und wüst daliegende Heimat wieder aufzubauen.

Wie klingt es, wenn wir die alten Texte aus dem Jesajabuch heute in Görlitz lesen und wie beschreibt man Vertreibung auf »europäisch«? Wie gelingt heute Beheimatung in Europa? Und wie sieht der Königsweg zu diesem Ziel aus, den wir beschreiten wollen? Ich empfehle Ihnen einen Besuch im Schlesischen Museum mit diesen Fragen im Kopf.

Die Evangelische Kirche in Deutschland veröffentlichte am 1. Oktober 1965 eine kühne und visionäre Erklärung, die später unter dem Namen »Ostdenkschrift« bekannt wurde. Zwanzig Jahre nach Kriegsende wollte die Evangelische Kirche die Lage der Vertriebenen bewusst machen und ihre Integration in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland befördern. Gleichzeitig trat sie für einen neuen Anfang im Verhältnis zu den östlichen Nachbarn ein. Neue Schritte zur Versöhnung sollten die bis dahin im Beharren auf Rechtspositionen festgefahrene Ostpolitik ablösen.

Das war mutig, ja es kam einem Tabubruch gleich. Die Denkschrift weckte viel Widerstand; manche begaben sich nur zögernd auf den von ihr vorgeschlagenen Weg. Die Denkschrift der EKD leistete einen wesentlichen Beitrag zur Neuorientierung der deutschen Politik und ermutigte viele Menschen, Schritte der Versöhnung und Verständigung zu gehen. Der Brief der katholischen Bischöfe in Polen trat dem einige Wochen später zur Seite. Auch er stieß Türen auf mit dem befreienden Satz: »Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.«

Heute steht uns die Kette von Ereignissen vor Augen: Der deutsch-polnische Vertrag von 1970, der Kniefall Willy Brandts in Warschau, die Entstehung der Gewerkschaft Solidarnosc, die deutsch-polnische Solidarität während der Geltung des Kriegsrechts, die Grenzöffnung, der Fall der Mauer und zuletzt der Beitritt der Republik Polen zur Europäischen Union. Damals konnte man dergleichen erhoffen, aber nicht erwarten. Dank gebührt denen, die sich so früh für einen derartigen Weg eingesetzt haben. Heute, vierzig Jahre nach der Ostdenkschrift der EKD und dem Briefwechsel der katholischen Bischöfe in Polen und Deutschland blicken wir auf eine Neuordnung Europas in Frieden und Freiheit und auf gute Möglichkeiten zu einer gleichberechtigten Nachbarschaft, ohne dass die Schrecken der Vergangenheit und die in deutschem Namen aufgehäufte Schuld vergessen oder verdrängt würden.

Das erste Schlesische Museum wurde am 2. Juli 1880 in Breslau eröffnet. Es macht nachdenklich, dass es Deutsche waren, die 1945 zentrale Erinnerungsorte der schlesischen Geschichte in die Luft sprengten: zuerst das Gebäude des schlesischen Museums an der Breslauer Graupenstraße und dann das Haus des schlesischen Staatsarchivs am Scheitniger Stern. Damals sollte ein notdürftiger Flugplatz eingerichtet werden, der nie benutzt wurde. Das kulturelle Erbe wurde zum Zwecke einer sinnlosen Verteidigung Breslaus in den letzten Zuckungen eines längst verlorenen Krieges verpulvert.

Man hat in Deutschland, länger als es hätte sein müssen, auf ein Schlesisches Museum warten müssen. Heute ist es so weit. Das hat auch mit der befreienden Erfahrung zu tun, dass die alte Frage, wem Schlesien eigentlich gehöre, endlich die richtige Antwort findet. Es gehört zu Europa! Schlesische Kultur war, bei aller Regionalität, schon immer zutiefst europäisch. Ein schlesisches Museum an der Nahtstelle Europas wird eine magnetische Kraft entwickeln, welche zusammenzufügen hilft, was Europa werden soll. Die Prägekraft des christlichen Glaubens für Europa ist dabei eingeschlossen.

In die politische Kultur Europas bringt der christliche Glaube Werte und Normen ein, die auch in Zukunft als weithin wirkungskräftiges Gemeingut im demokratischen Staat und seiner Gesellschaft gebraucht werden. Sie leuchten den Königsweg nach Europa aus. Es geht um die Würde der menschlichen Person, die als Grenze aller staatlichen Machtausübung, aber auch aller wirtschaftlichen Machtansprüche geltend gemacht wird. Es geht um die elementaren Menschenrechte, die unbeschadet ihrer Wurzeln nicht als europäisches Sondergut betrachtet werden, sondern mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu Grundelementen eines universalen Rechtsethos geworden sind. Es geht um eine Kultur der wechselseitigen Achtung, in der sichergestellt wird, dass Unterschiede der Überzeugung nicht mit Gewalt oder Unterdrückung, sondern in einer Atmosphäre der Toleranz und des Respekts ausgetragen werden. Es geht um Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns, die den Grundvorstellungen einer sozialen Marktwirtschaft entsprechen. Es geht um eine Atmosphäre des bürgerschaftlichen Engagements, das sich auch in der Mitwirkung und Mitbeteiligung am Aufbau und der Entfaltung der Demokratie zeigt. Es geht um eine Humanität, die für die Wirklichkeit Gottes offen und von der Dankbarkeit für Gottes Güte bestimmt ist.

Eine solche gottoffene Humanität hat Folgen. Es ist unerlässlich, aufeinander zuzugehen, miteinander zu beten, den Dialog zu vertiefen und gemeinsam zu handeln. Ich begrüße es sehr, dass produktive Ansätze dazu an vielen Stellen zu beobachten sind. Die Gemeindepartnerschaften zähle ich genauso dazu wie den Jugendaustausch; die Zusammenarbeit in der Diakonie erscheint mir dabei als ebenso wichtig wie das gemeinsame politische Zeugnis.

Dass wir auch die Erinnerung an die schmerzliche Geschichte des 20. Jahrhunderts gemeinsam gestalten, halte ich für unerlässlich. Auch in diesem Zusammenhang bleibt die Ostdenkschrift von 1965 bis heute richtungweisend. Dort heißt es: »Alles christliche Reden von Heimat wäre unzulänglich und irreführend, wenn es nicht für die Erkenntnis offen und durchscheinend bliebe, dass dem Menschen in Jesus Christus das Vaterhaus Gottes verheißen und angeboten ist, in dem er für sein Leben Geborgenheit findet, die ihm keine irdische Heimat geben kann. Und an anderer Stelle: Ohne Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne gegenseitige Berücksichtigung berechtigter Interessen und ohne den Willen zum Neuanfang auf der Grundlage der Versöhnung sei die anzustrebende internationale Friedenordnung nicht denkbar.«

Heute erkennen wir in Dankbarkeit, dass Görlitz und das Schlesische Museum zu den Wegstationen auf der Via Regia nach Europa gehören.

Heute wagen wir es, in das kühne Wort des Propheten Jesaja einzustimmen: »Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.« Amen.