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Landschaft der Leidenschaften

Das „Schlesische Museum“ in Görlitz bietet 900 Jahre Kultur- und Industriegeschichte auf 2.000 Quadratmetern

Von Christian Eger

Mitteldeutsche Zeitung, 15.05.06

Zum Beispiel der Familienname Henckel von Donnersmarck. Der Regisseur des Kinofilmes „Das Leben der Andern“ trägt ihn. Oder besser: Er schleppt ihn wie eine sperrige Antiquität durch den öffentlichen Raum. Ein heutzutage tendenziell komischer Name, aus Raum und Zeit gefallen.

Man hieß so, wenn man einst zur einflussreichsten Industriellen-Dynastie in Oberschlesien gehörte. Bergwerke und Eisenhütten betrieb die Familie, die von Kaiser Wilhelm I. 1901 in den Fürstenstand erhoben wurde. Ihren Hauptsitz im oberschlesischen Neudeck ließ die Sippe nach dem Vorbild von Schloss Versailles errichten: regionales Sonnenkönigtum.

Man begegnete den Donnersmarcks gleich mehrfach beim Gang durch das Schlesische Museum, das am Sonnabend seine Tore am malerischen Untermarkt von Görlitz öffnete. Da ist ein Besteckkoffer, der Mitte des 19. Jahrhunderts vom seinerzeit angesagtesten Berliner Goldschmied für eine Donnersmarck-Hochzeit angefertigt wurde. Man blick Fürst Guido Henckel von Donnersmarck ins Gesicht, der Oberschlesien ab 1848 eine überstürzte Industrialisierung bescherte. Und man sieht die zerkratzten Blechteller, von denen die Familie nach der Flucht 1945 speiste.

Schlesien – eine Landschaft der Extreme, in die vom 13. Jahrhundert an die Deutschen eingewandert waren, gerufen von den polnischen Piasten-Herzögen. Nie ist in der heute am westlichen Rand Polens gelegenen Region etwas in Jahrhunderte währenden ruhigen Bahnen gelaufen. Die Geschichte war in knallenden Zick-Zack-Bewegungen zu Gange, angestoßen von Polen, Habsburgern und Deutschen.

Der Ausbreitung des Protestantismus in böhmischer Zeit folgte im 17. Jahrhundert die gnadenlose Gegenreformation unter den Habsburgern. 1740 marschierten die Preußen ein und stellten alle Uhren wieder auf Anfang. 1921 dann die Teilung Oberschlesiens in einen deutschen und einen polnischen Teil. Schließlich Flucht und Vertreibung. Immer ging es weltpolitisch um alles und eigentlich immer über die Köpfe der einfachen und armen Bevölkerung hinweg, die in dieser Landschaft hart zu arbeiten hatte. Heines Klagegedicht „Die schlesischen Weber“ war keine Dichterphantasie. Eine solcherart bis heute kaum abgekühlte Historie auszustellen, die es noch immer schafft, Menschen in politische, geistige und selbstverständlich seelische Erregungszustände zu versetzen, ist keine Leichtigkeit. 15 Jahre hat denn auch das Museumsprojekt gebraucht, das dem Bund und dem Freistaat Sachsen 19 Millionen Euro gekostet hat.

900 Jahre auf 2000 Quadratmetern fasst die Schau, die sich über drei miteinander verbundene Gebäude erstreckt. Zwei Stunden braucht man selbst dann, wenn man nicht alles zur Kenntnis nimmt. Man spürt, wie sehr die Ausstellungsmacher auf eine Strategie der Deeskalation setzen. Sie führen die Gefühle, die beim Thema Schlesien schnell aus ihrem Flussbett springen, mit Sachlichkeit, Wärme und Intelligenz. Es gelingt das Kunststück, jene Menschen, die Schlesien im Herzen tragen, sinnfällig zu bedienen und jene, die es endliche kennen lernen wollen, nicht zu unterfordern.

Dabei ist das Kerngebäude der Schau selbst ein Museumsstück: der Schönhof, ein prachtvoller Renaissancebau in der alten Mitte von Görlitz. Einer eigentlich sächsischen Stadt, die 1815 der preußischen Provinz Schlesien zugeschlagen wurde. Von der Oder her, die Schlesien durchfließt, wird der Museumsgang entwickelt. Die großen Berge – die Schneekoppe, der Zobten, der Annaberg – folgen, dann die Städte – Breslau vorneweg. Vom Dachgeschoss des Schönhofs geht es chronologisch durch die Zeit. Eindrucksvolle Stücke sind zu sehen. Eine Mondsichelmadonna aus Lindenholz. Ein Pfeifenkopf mit dem Porträt des in Breslau geborenen SPD-Vaters Lassalle. Schlüsselbünde von 1945 Vertriebenen, die in Wohnungen führten, die es nicht mehr gibt. Man begreift Schlesien in dieser Schau. Und auch, dass die Geschichte dieser europäischen Kulturlandschaft mit der Vertreibung der Deutschen nicht ihr Ende gefunden hat.