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Schlesien im Museum

In Görlitz sind künftig 900 Jahre Geschichte einer Region zu besichtigen

Von Marius Zippe (epd)

Evangelischer Pressedienst, 12.05.06

Görlitz (epd). Der schwere, pelzbesetzte Mantel gehörte einst einem schlesischen Bauern. Es soll der einzige Luxus gewesen sein, den sich der Mann in seinem Leben leistete. Bei seiner Vertreibung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem heutigen Polen blieb der Mantel sein einziger Besitz. Nun hängt er im Schlesischen Museum in Görlitz, das an diesem Samstag eröffnet wird. Auf Knopfdruck ist an der Ausstellungsvitrine die Geschichte des Bauern zu hören. «Mit diesem persönlichen und emotionalen Zugang wird Geschichte lebendig», sagt Museumssprecherin Martina Pietsch.

An einer anderen Stelle hängen Schlüsselbünde. Sie wurden einst von Heimatvertriebenen aufbewahrt, die auf eine Rückkehr in ihre Häuser hofften. Dass die Schlüssel heute im Museum zu sehen sind, soll das Abrücken von früheren Ansprüchen symbolisieren.

Die Themen Krieg und Vertreibung sind die heikelsten Teile der Ausstellung. Der Zeitabschnitt wird sachlich mit Fotos, Texten und Alltagsgegenständen dokumentiert. Neben den vergleichsweise wenigen Jahren der NS-Zeit und den Vertreibungen dokumentiert das neue Museum auf 2.000 Quadratmetern insgesamt neun Jahrhunderte schlesischer Geschichte.

In dieser Zeit gehörte die mitteleuropäische Region zum piastischen Polen, zum Königreich Böhmen, zu Preußen und zum Deutschen Reich. Zu sehen sind Goldschmiedearbeiten, Keramik, Malerei und wertvoller Kirchenschmuck, wie das Altarkreuz der abgebrannten Glogauer Friedenskirche.

Insgesamt wurden in den vergangenen 15 Jahren knapp 19 Millionen Euro in den Aufbau des Museums investiert. Den Löwenanteil verschlang die Restaurierung des historischen Schönhofs, in dem die Ausstellung gezeigt wird. Für das Museum errichteten die Bundesrepublik, Sachsen, Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien eine Stiftung. Diese ist Träger des Hauses, das sich in den kommenden Jahren zur «zentralen museal-wissenschaftlichen Einrichtung für die Kulturgeschichte Schlesiens in der Bundesrepublik Deutschland» entwickeln will.

Am Freitag konstituierte sich außerdem der Rat der schon im vergangenen Jahr gegründeten Stiftung Evangelisches Schlesien. «Die schlesische Identität in der Region ist kein Gedankenkonstrukt», sagt der evangelische Regionalbischof Hans-Wilhelm Pietz. Für die Kirche seien zum Beispiel die schlesischen Liederdichter sehr wichtig. Im Privaten sei noch heute eine spezielle Frömmigkeit mit bestimmten Bräuchen oder Hausandachten zu beobachten, die aus der Unterdrückung der evangelischen Kirche in Schlesien herrühre.

Die überregionale Aufmerksamkeit dürfte dem Museum sicher sein. Zur Eröffnung hat sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) angekündigt. Der Berliner Bischof Wolfgang Huber leitet einen ökumenischen Gottesdienst und für die Festrede wurde der Warschauer Uni-Professor Andrzej Tomaszewski gewonnen. Andere Einladungen nach Polen, wie an den Woiwoden von Niederschlesien, blieben nach Museumsangaben aber unbeantwortet. «Wir wissen nicht, ob es Vorbehalte gibt», sagt Sprecherin Martina Pietsch.

Für Distanz in Polen könnte zum Beispiel das Engagement der Vertriebenen sorgen. So sitzt im Stiftungsrat für das Museum der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Rudi Pawelka. Er hat mit seiner «Preußischen Treuhand», die Eigentumsklagen von Vertriebenen durchsetzen soll, schon mehrfach für polnische Proteste gesorgt.

In Görlitz kommt die Eröffnung des Schlesischen Museums vielleicht gerade richtig. Nach der Niederlage im Wettbewerb um die Kulturhauptstadt Europas 2010 will die Stadt in der niederschlesischen Oberlausitz ihr Profil schärfen. Auch in der «Schlesischen Schatztruhe», einem Laden nahe des Museums mit Keramik, Büchern, Landkarten und Schlesienartikeln, hofft die Verkäuferin auf wachsende Touristen-Kundschaft.

Das Museum (www.schlesisches-museum.de) ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.