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Ein hohes Maß an Sensibilität

Museum. Im Görlitzer Schönhof wird auf 2.000 Quadratmetern die Geschichte Schlesiens ausgebreitet.

Von Birgit Grimm

Sächsische Zeitung, 06.05.06

Die Umgestaltung des ältesten Renaissance-Bauwerks von Görlitz zum jüngsten Museum in Sachsen hat die Stiftung Schlesisches Museum in die Hände von Profis gelegt. Und sie hat gut daran getan. Denn die Stuttgarter Architekten und Ausstellungsgestalter des Büros hg merz sind Spitze in Sachen Museumseinrichtung. Zu ihren gelungensten Arbeiten gehört die Alte Nationalgalerie in Berlin. In Dresden werden sie das von Daniel Libeskind umgebaute Militärhistorische Museum einrichten, in Stuttgart eröffnet in wenigen Tagen das von hg merz designte Mercedes-Museum.

Respekt vor dem Raum
Im Görlitzer Schönhof sind die Gestalter sensibel und klug ans Werk gegangen, haben die Räume mit genau demselben Respekt behandelt wie die Exponate zur schlesischen Geschichte. Die Vitrinen stehen in den größeren Räumen an den Wänden, sodass sowohl die mittelalterlichen Steinfliesenfußböden als auch die Holzbalkendecken zur Geltung kommen. In kleineren Räumen gibt es nur eine große Vitrine, und zwar in der Mitte. In deren Sockel steckt die Technik, die ein modernes Museum braucht, um kostbare Exponate sicher zu bewahren und perfekt in Szene zu setzen. Die Wände des Schönhofs hätten Kabel, Rohre und Klimageräte nie aufnehmen können. Und an den restaurierten, aber nicht aufgehübschten Decken wäre jede Lampe ein Frevel. In den Museumsmöbeln stecken pfiffige Detail-Lösungen wie eine Lupe, die der Besucher vor silbernen Talern verschieben kann, um die darauf geprägten Kupferstiche und Inschriften zu bewundern, oder große Buchrücken, die man aus dem Regal zieht, um sich zum Beispiel über barocke Dichter und Denker in Schlesien ein Bild machen zu können.

Die Ausstellung ist chronologisch geordnet, alle Texte sind auf Deutsch und Polnisch zu lesen. Der Rundgang beginnt im Mittelalter – und im Schönhof ganz oben. Am Anfang kann sich der Besucher am Monitor selbst erschließen, wo Schlesien in Europa eigentlich liegt und wie sich die politischen und staatlich-rechtlichen Zugehörigkeiten über die Jahrhunderte änderten – vom piastischen Polen zum habsburgischen Böhmen zum Preußen der Hohenzollern zum Deutschen Reich … Städte und Landschaften werden für den Besucher erlebbar, zum Beispiel dank eines bärtigen Herrn namens Rübezahl, der stolz das Riesengebirge repräsentiert.

Auf der Zeitreise durch Schlesiens Kulturgeschichte, die auch eine Leistungsschau des Kunsthandwerks ist, lernt man wichtige Persönlichkeiten kennen, lauscht ergreifenden Begebenheiten, staunt über Goldschmiedearbeiten aus Breslau, prunkvolles, geschliffenes und geschnittenes Glas aus dem Riesengebirge, Fayencen aus Proskau, über frühe Bunzlauer Keramik, filigrane Eisengussarbeiten aus Gleiwitz, wertvolle Gemälde und Skulpturen der Breslauer Akademie.

Zahlreiche Erinnerungsstücke
Es ist enorm, was Museumsdirektor Markus Bauer und sein Team in nicht mal sieben Jahren zusammentrugen. 1999 hatte er sein Amt angetreten und damals nur wenige, aber wichtige Stücke im Depot vorgefunden. »Ein Museum braucht eigentlich Jahrzehnte, um zu reifen«, sagt Bauer. Die Bundesrepublik Deutschland bekannte sich in den 90er-Jahren dazu, in Görlitz die zentrale museale Einrichtung für die Kulturgeschichte Schlesiens aufzubauen. Und sie scheute sich nicht, Leihgaben, die sie in anderen deutschen Museen präsentierte, dort abzuziehen und nach Görlitz zu geben. Das musste böses Blut geben, auch wenn die Görlitzer, wie Markus Bauer versichert, um einvernehmliche Lösungen bemüht waren.

Dankbar nahm die Museumsmannschaft immer wieder Erinnerungsstücke aus der jüngsten Vergangenheit in die Sammlung auf. »Wir haben zahlreiche Geschenke von Vertriebenen erhalten und konnten manches wertvolle Exponat günstig erwerben«, sagt der Direktor. Unglaublich groß sei das Konvolut an Fluchtkoffern, die unmöglich alle gezeigt werden können. Schlesien im 20. Jahrhundert ist der heikelste und ein Schwerpunkt der ständigen Ausstellung. Im niedrigen Gewölbe des Mittelhauses hinter dem historischen Schönhof sind Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, Untergang und Neubeginn nach 1945 in Schlesien dargestellt. Kaltes Licht in Grau, flache Vitrinen in einer drückenden Stimmung. Man muss das Haupt senken, um die Fotos zu sehen, die Texte zu lesen und die noch tiefer liegenden Exponate anzuschauen.

Gemeinsam mit Polen
So sehr sich das Museum um wissenschaftliche Exaktheit und politische Korrektheit bemüht, der Untergang des alten Schlesiens, die Ansiedlung der Polen und die Schicksale der Vetriebenen in Ost- und Westdeutschland bleiben heiße Eisen im vereinten Europa.

Auch polnische Historiker und Museumsleute widmen sich konzentriert der Geschichte Schlesiens. Manche meinen: Dieses Museum gehört nach Wroclaw, nicht nach Görlitz. In Katowice wird derzeit ebenfalls ein schlesisches Museum aufgebaut. Eine gemeinsame deutsch-polnische Einrichtung zur Erforschung der Geschichte Schlesiens, wie sie aus wissenschaftlicher Sicht und im Sinne der Versöhnung sinnvoll erscheint, bleibt ein Ziel. »Das muss sich entwickeln, immerhin geht es um unser gemeinsames Erbe«, sagt Markus Bauer. Die Botschaft, die das Schlesische Museum ab 13. Mai von Görlitz aus über die Neiße sendet, wird im Osten – und freilich auch im Westen – nicht mehr überhört und übersehen werden können.