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Berichte

Gelände und Gebäude der einstigen Ferdinand-Zeche beherbergen heute das Schlesische Museum zu Kattowitz. © Ulrich Schmilewski 2016. 

Industriekultur und schlesische Unternehmen
Bericht von Dr. Ulrich Schmilewski, Stiftung Kulturewerk Schlesien

Der Wirtschaftsgeschichte galt die Jahrestagung der Stiftung Kulturwerk Schlesien vom 1. bis 3. Juni 2018 im Exerzitienhaus „Himmelspforten“ in Würzburg. Dabei ging es um „Industriekultur in Schlesien und schlesische Unternehmen vor und nach 1945“. Der Begriff Industriekultur steht für die Beschäftigung mit der gesamten Kulturgeschichte des industriellen Zeitalters, das in Deutschland um 1850 einsetzte. Industriekultur umfasst dabei die Entwicklung des geographischen Raumes zur industriellen Kulturlandschaft, die Geschichte der Technik, die Sozialgeschichte der Arbeit, die Geschichte der industriellen Artefakte und deren Gestaltung, die Architekturgeschichte der Produktionsstätten sowie der Unternehmer- und Arbeiterwohnungen und anderes mehr. Kunstwerke der Industriekultur finden sich besonders in der Industriemalerei und in der Industriefotographie.

Zu den Schwerpunkten der Industrialisierung im Deutschen Reich gehörte Oberschlesien, wo sich mit dem Zentrum in Kattowitz das oberschlesische Industriegebiet herausbildete, das nach der Wende in Polen vor ähnlichen Problemen wie das Ruhrgebiet früher stand. Dass Oberschlesien kulturell bedeutende Industriebauten aufweist, verdeutlicht die Aufnahme der alten Bergwerksstadt Tarnowitz in die Liste der UNESCO-Welterbes.

Industrielle Frühformen fanden sich jedoch zunächst in den niederschlesischen Gebirgsgegenden, wie Prof. Dr. Arno Herzig (Hamburg) in seinem Vortrag „Von der Protoindustrie zum industriellen Zeitalter in Schlesien“ darlegte. Typisch dafür waren die häusliche Weberei und der Vertrieb durch die Hirschberger Schleierherren in der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mit dem maschinellen Webstuhl und damit dem Start in das Maschinenzeitalter kam es dann zum Weberelend, zum Pauperismus, der in der sozialen Frage mündete. In Niederschlesien kulminierten die sozialen Konflikte schließlich im Weberaufstand von 1844.

Zur Beschäftigung der notleidenden Weber des Riesengebirges wurde 1839 durch die Königliche Seehandlungs-Societät in Zillerthal-Erdmannsdorf eine dampfbetriebene Flachsgarnspinnerei gegründet, eine der frühesten Spinnereien auf dem europäischen Kontinent und das älteste Industriedenkmal Niederschlesiens. Mit der Geschichte des Unternehmens, das 1872 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, und des Fabrikgebäudes machte Christopher Schmidt-Münzberg (Bad Warmbrunn, Bremen) bekannt. 1882 erhielt die Fabrik Eisenbahnanschluss, 1896 wurde die mechanische Weberei auf 519 Webstühle vergrößert, 1909 eine neue Arbeiterkolonie errichtet. Die Leinenfabrik war bis 2007 in Betrieb, die Gebäude wurden dann an einen Privatinvestor verkauft, der trotz Denkmalschutz die frühesten Teile der Fabrik von 1840 abriss. Heute steht als trauriger Rest nur noch eine Fassadenwand.

Dr. Gerhard Schiller (Oppeln) referierte über „Die Entwicklung des industriellen Raumes in Oberschlesien“. Ausgehend von den geologischen Gegebenheiten verdeutlichte er die rasanten Veränderungen durch den Abbau von Bodenschätzen, den Bau von Fabrikanlagen und die Entstehung von Wohnsiedlungen und ganzen Städten. Hinzu kamen Strukturmaßnahmen wie der Bau von Straßen, die Anlage eines Schienennetzes und von Wasserwegen. So war zeitweise der Binnenhafen von Cosel an der Mündung des Klodnitz-Kanals in die Oder der zweitgrößte nach Duisburg. All dies veränderte die Landschaft völlig und wirkte sich auf das Lebensumfeld der Menschen aus, prägte aber auch deren Selbstverständnis als Angehörige eines Industriereviers.

Bei der Industriearchitektur legte Dr. Irma Kozina (Kattowitz) den Schwerpunkt auf Fabriken, Arbeitersiedlungen und Unternehmerresidenzen. Bei Fabriken, die bis 1920 im Backsteinbau errichtet wurden, stand die Funktionalität im Vordergrund. Auf ein repräsentatives Äußeres wurde dagegen bei den Fabrikantenvillen und erst recht bei den Schlössern der Industriemagnaten Wert gelegt, wie beispielsweise noch heute das Schloss Koppitz der Grafen Schaffgotsch erahnen läßt. Die ehemaligen Arbeitersiedlungen wie Nikischschacht und Gieschewald sind heute wieder angesagte Wohnadressen.

In einem anregenden Vortrag stellte Dr. Jerzy Gorzelik (Kattowitz) „Industriemotive in den bildenden Künsten Schlesiens“ vor. Oberschlesien wurde dabei auf Industrie und somit auf die Moderne festgelegt, Niederschlesien eher landwirtschaftlich verortet. Der Referent arbeitete verschiedene Darstellungsweisen heraus: die oberschlesische Industrielandschaft zwischen Idyll und Katastrophe, der Industriearbeiter als demütiger Held oder edler Rebell, die Maschine als Wunder oder Verdammnis. Solchermaßen wurden Industrie und Industriearbeit politisiert und im Kampf um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg genutzt.

Das Thema „Industriekultur“ wurde mit einem Besuch des Industriedenkmals Bürgerbräu-Areal in Würzburg abgeschlossen. Es diente als Beispiel dafür, wie man Fabrikareale und -gebäude umgestalten und einer heutigen Nutzung zuführen kann.

Den zweiten Teil der Tagung über schlesische Unternehmen vor und nach 1945 eröffnete Prof. Dr. Christian Andree (Kiel) mit einem Vortrag über die Verlage Wilhelm Gottlieb Korn, Flemming, Frommann, Ferdinand Hirt sowie Trewendt & Garnier. Hier zeigt sich in unterschiedlichem Ausmaß die Entwicklung von einem kleinen Verlagsunternehmen zum Großverlag mit maschineller Druckerei für verschiedene Druckverfahren, Buchbinderei, Lagerhaltung und Vertrieb in fabrikähnlichen Gebäuden. Diese bedeutenden schlesischen Verlage wurden nach 1945 unter schwierigen Bedingungen fortgeführt, erlangten jedoch nicht mehr ihre frühere Bedeutung und konnten sich am Markt nur eingeschränkt durchsetzen.

Der Verbindung von wirtschaftlichen Unternehmen und der Herrnhuter Gemeine in Neusalz an der Oder ging Susanne Kokel M. A. (Marburg, Siegen) am Beispiel der Firmen Gruschwitz Textilwerke sowie des Handels-, Speditions- und Bankhauses Meyerotto & Co. nach. Die Gemeine konnte in die privaten Unternehmen ihrer Mitglieder investieren, was jedoch auch zu einer Risikobeteiligung führte. Die Gruschwitzwerke wurden nach dem Krieg im West zunächst in Neu-Ulm, heute in Leutkirch, weitergeführt sowie polnischerseits vor Ort unter dem Namen „Odra“ bis 1994.

Einen Überblick über die Geschichte des Bürgerlichen Brauhauses Breslau mit einem Ausstoß von 48.000 Hektoliter Bier im Jahre 1943 gab Hans-Joachim Kempe (Baden-Baden). Für die Brauerei, die 1938 auch die Schlossbrauerei Tost erworben hatte, bedeutete das Kriegsende das Ende der Produktion, die Brauereianlagen werden heute für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

In Greiffenberg in Schlesien hatte der Leinenhandel Tradition; 1555 wird mit Mathias Rother der erste Händler genannt, wie Dr. Jarosław Bogacki (Oppeln) berichtete. 1802 gründete Johann Gottfried Ihle eine Textilfabrik, die Schlesische Blaudruckerei AG, die sich ab etwa 1928 auf die Herstellung von Berufskleidung und Haushaltsschürzen spezialisierte. 1933 folgte die Umbenennung in Greiff-Werke AG, die Produktionspalette wurde um Sportkleidung erweitert. Das Werk expandierte und gründete Niederlassungen in Lauban, Hirschberg und Frankfurt/Oder. Nach dem Krieg kam es zu einem Neubeginn in Bamberg, und noch heute produzieren die Greiff Werke insbesondere Berufskleidung und Herrenanzüge.

Gar mit einer Niederlassung nach Schlesien zurückgekehrt ist die Firma Thust Naturstein. 1819 in Gnadenfrei gegründet, wurde der Steinbruch- und Steinmetzbetrieb 1866 königlich preußischer Hoflieferant. Bereits 1927 erwarb das Unternehmen einen Betrieb in Balduinstein an der Lahn, von wo aus man nach dem Kriegsende den Betrieb weiter führte. Das inzwischen in fünfter Generation betriebene Unternehmen hat sich auf Grabdenkmalskunst spezialisiert; so stammt etwa die Platte des Eichendorff-Grabes in Neisse von der Firma Thust. Die Geschichte des Unternehmens stellt in Wort und Bild Seniorchef Wolfgang Thust (Balduinstein) vor.

Es zeigte sich, daß das Thema „Industriekultur“ ein interessantes und lohnendes Sujet ist, das zudem nicht nur auf Oberschlesien beschränkt ist, sondern ganz Schlesien betrifft. Schwieriger ist das Thema „Schlesische Unternehmen“, da die meisten während des Kriegsendes untergegangen sind, einige im Westen eine Zeitlang weitergeführt wurden, für andere     ihre schlesische Herkunft nur noch mehr oder weniger gepflegte Geschichte ist; die Rückkehr nach Schlesien stellt eine Ausnahme dar.

Ulrich Schmilewski

Dr. Vasco Kretschmann | Kulturreferent für Oberschlesien

Lehrerbildung in Schlesien - ein Bericht

Schlesien, wo liegt das eigentlich? Welche Bedeutung hat diese Region für die deutsch-polnischen Beziehungen? Diese Fragen können leider nur noch wenige Schüler/innen in Deutschland beantworten. Um das Wissen über die Geschichte der Deutschen und ihrer Nachbarn im östlichen Europa zu erweitern, müssen neben einer Ergänzung der Lehrpläne vor allem die Multiplikatoren geschult werden. Die Ausbildung der Referendar/innen zu Lehrer/innen erfolgt in Nordrhein-Westfalen in den Zentren für schulpraktische Lehrerbildung (ZfsL). Seit einigen Jahren besuchen drei engagierte Fachleiter/innen des Geschichtsseminars am ZfsL Jülich bei Aachen mit jedem Jahrgang die Städte Schlesiens, die Gedenkstätte Auschwitz (Oświęcim) und die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau (Krzyżowa). Die Besuchsorte bieten den Referendar/innen nachhaltige Einblicke in die deutsch-polnische Kultur- und Beziehungsgeschichte der Region. Zugleich vermittelt das Programm praktisches Wissen für künftige Klassenfahrten und Austauschprogramme.

Mit inhaltlicher und finanzieller Unterstützung des Kulturreferats für Oberschlesien konnte die diesjährige Fahrt in die schlesischen Städte Breslau (Wrocław), Gleiwitz (Gliwice), Kattowitz (Katowice) und ihre Umgebung stattfinden. Im Mittelpunkt der Fahrt stand das deutsch-polnisch-jüdische Kulturerbe der Region sowie der öffentliche Umgang mit der Geschichte. Zwei Spaziergänge durch die größte Stadt Schlesiens, u.a. zur Breslauer Dominsel, zum alten jüdischen Friedhof und der Jahrhunderthalle boten Einblicke in die bewegte Geschichte und besondere Entwicklung der schlesischen Metropole. Die Großstadt erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen nahezu vollständigen Austausch ihrer Bevölkerung und den Umbau ihrer Denkmals- und Erinnerungslandschaft. Doch heute wird auch die deutsche und jüdische Vergangenheit der Stadt wieder wahrgenommen und öffentlich herausgestellt.

Von Niederschlesien führte der Blick nach Oberschlesien und seine politischen Auseinandersetzungen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Versuche einer Teilung Schlesiens zwischen Polen und Deutschland führten in der multiethnischen Region zu bürgerkriegsartigen Kämpfen (Aufständen), einer Volksabstimmung und Grenzziehung, die gewachsene Strukturen zerschnitt. Die heutige Vermittlung dieser Geschichte bot sich den Referendar/innen in zwei multimedialen Ausstellungen im Museum der Schlesischen Aufstände in Schwientochlowitz (Świętochłowice) und im Schlesischen Museum in Kattowitz. Für die jungen Geschichtspraktiker/innen ungewohnt war nicht nur der starke Inszenierungsgrad der Ausstellungen, sondern auch die Emotionalität der Erzählungen. Beindruckend war das junge Haus der Erinnerung an die oberschlesischen Juden, das in der ehemaligen Friedhofshalle am jüdischen Friedhof von Gleiwitz mit seinem umfangreichen museumspädagogischen Programm bei älteren und jüngeren Besucher/innen großen Anklang findet. Sowohl mit dem Museum am alten jüdischen Friedhof in Breslau als auch in Gleiwitz zählt die deutsch-jüdische Vergangenheit der Städte heute zur lokalen Erinnerungskultur. Von besonderer historischer Bedeutung und Symbolik ist die Anlage des ehemaligen Senders Gleiwitz. An diesem Ort inszenierte die SS am 31.08.1939 einen polnischen Überfall auf den deutschen Teil Oberschlesiens. Diese Aktion wurde als Vorwand für den am Tag darauf erfolgten Angriff auf Polen und damit für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges genommen. Ein Dokumentarfilm mit längeren Spielszenen vermittelt heute die Geschichte der „Gleiwitzer Provokation“ in den historischen Räumen des Senders.

Wie andere Regionen Europas erlebt auch die Industrieregion Oberschlesien seit über zwei Jahrzehnten einen strukturellen Wandel. Einige der ehemaligen Fabriken und Bergwerke finden neue Funktionen als Orte der Industriekultur. Ein herausragendes Beispiel ist das 2015 eröffnete Schlesische Museum auf dem Gelände der ehemaligen Hütte Ferdinand bzw. Katowice. Bei zwei Stadtspaziergängen zeigte sich den Referendar/innen wie die heutige Metropole Kattowitz im 19. Jahrhundert als industrielle Planstadt v.a. adeliger Investoren entstand. Auch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Patronatssiedlungen Nickischschacht (Nikiszowiec) und Gieschewald (Giszowiec) zeugen vom schnellen Wachstum der Region und neuen Wohnlösungen für die vielen Arbeiter/innen der Großbetriebe.

Zwischen den Altstädten von Breslau und Gleiwitz und dem wesentlich jüngeren Zentrum von Kattowitz mit seiner vom Bergbau geprägten Umgebung bot sich den Referendar/innen die Vielfalt der schlesischen Landschaften. Eine Exkursion in die nahe gelegene Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau führte an einen zentralen Ort der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg und unserer heutigen Erinnerungskultur. Ihren Abschluss fand die Reise durch Schlesien in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Kreisau bei Schweidnitz (Świdnica). Die Rückfahrt über Niederschlesien bot die Gelegenheit für eine Besichtigung der Schweidnitzer Friedenskirche, Europas größter Fachwerkkirche, die aus den Bestimmungen des Westfälischen Friedens hervorging.

Für die künftigen Geschichtslehrer/innen boten sich auf dem ehemaligen Gut der Familie von Moltke in Kreisau Momente der Reflexion und unterrichtspraktischen Gestaltung der gesammelten Eindrücke. Ein Workshop zum neuen deutsch-polnische Schulbuch rundete den Abschluss der Reise ab. Es ist eines der Medien, die den Blick auf die Beziehungsgeschichte zum zweitgrößten Nachbarn Deutschlands öffnen sollen – und dem Austausch mit Schlesien und Polen im deutschen Schulunterricht mehr Gewicht verleihen wollen.

Was bedeutet uns Oberschlesien? Junge Oberschlesier im Dialog

Der Kulturreferent für Oberschlesien und das Oberschleische Landesmuseum luden zum Dialog ein - ein Bericht

Dr. Vasco Kretschmann, Kulturreferent für Oberschlesien

Bei oberschlesischen Familienfesten kann es passieren, dass sich nur noch die Generation der Großeltern oder der Eltern problemlos miteinander unterhalten kann, die Kinder hingegen müssen improvisieren, da sie entweder des Polnischen oder des Deutschen nicht mehr mächtig sind. Über solche Herausforderungen beim Kontakt zur Verwandtschaft in Polen berichteten mehrere Teilnehmer der Begegnung für junge Oberschlesier in Deutschland, zu der Ende Juli der Kulturreferent nach Ratingen ins Oberschlesische Landesmuseum eingeladen hatte.

Die 15 Teilnehmer zwischen 20 und 40 Jahren wurden zum Teil selbst noch in Oberschlesien geboren, andere stammen von Eltern ab, die als Aussiedler oder Spätaussiedler nach Deutschland kamen. Die Gruppe der Oberschlesier in Deutschland ist sowohl in ihrer gesellschaftlichen Verortung wie auch in ihrer Organisation sehr heterogen, es finden sich nur wenige verbindende Vereine oder Foren. Auch die oberschlesische Herkunft, die Kultur und Geschichte der Region, scheint am Organisationsgrad gemessen nur für wenige Bedeutung zu haben. Diese Situation bot für das neue Kulturreferat Anlass, zur Debatte einzuladen: „Was bedeutet uns Oberschlesien?“ Das Forum diente dem Austausch und der Diskussion persönlicher Fragen: Welche Rolle spielt heute die Herkunft aus Oberschlesien in meinem Leben? Was ist für mich Heimat? In der sehr lebhaften Diskussion kamen ganz unterschiedliche Lebensgeschichten und Identitätsbilder zum Vorschein: Deutscher, Pole und Oberschlesier zu sein, schließt sich nicht aus. Manche Teilnehmer lernten als Kinder nur die deutsche Sprache und brachten sich das Polnische später mühsam in Sprachkursen bei, als sie auf ihre Herkunft neugierig wurden und Oberschlesien eine neue Bedeutung in ihrem Leben erhielt. Andere besuchen seit Kinderzeiten regelmäßig das Land ihrer Eltern und Großeltern und sprechen mit ihren Eltern den oberschlesischen Dialekt.

Anlass für den Austausch boten auch die aktuellen Ausstellungen zur Geschichte Oberschlesiens des Oberschlesischen Landesmuseums, vorgestellt durch den Direktor Dr. Stephan Kaiser und den Wissenschaftlichen Mitarbeiter Leonhard Wons. Marcin Wocka, aus dem Haus der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln und Gleiwitz, einem langjährigen Kooperationspartner des OSLM, stellte einige Projekte vor und berichtete über seine eigene Familiengeschichte. Zum Kennenlernen illustrierte bei der Vorstellungsrunde eine Schlesien-Karte die vielfältigen Herkunftsregionen der Teilnehmer: Die Umgebung von Oppeln und Groß Strehlitz zählte zu den besonders häufig genannten Geburts- oder Familienorten. Die Herkunft, die Sozialisation oder die Familie, alle diese Elemente prägen die Identität der jungen Oberschlesier auf unterschiedliche Weise. Neben den Selbstbildern wurden auch Unterschiede zwischen den Generationen angesprochen: Schwer fällt oftmals eine Identifikation mit der verklärten Erinnerungskultur vieler älterer Oberschlesier, mit ihrer konservierten Erinnerung an ein Land, das es so nicht mehr gibt, genauso wie bei der deutschen Minderheit in Polen oftmals ein idealisiertes Deutschlandbild gepflegt wird, das mit der heutigen Realität wenig gemein hat. Die Vielfalt der Meinungen und Erlebnisse war groß, die Tagung ermöglichte einen ersten Dialog – und einen erfolgreichen Auftakt für weitere Angebote für eine bisher wenig beachtete Gruppe in Deutschland.