Seiten in anderer Sprache:

Druckansicht aufrufen:

Suchbegriff eingeben:

Hauptnavigation:

Unternavigation:

herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

 

Heraus aus der Vergessenheit. Fachtagung vom 1. bis 4. Oktober 2015 in Waldenburg/Wałbrzych

Im Waldenburger Land kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu der besonderen Situation, dass bis zu 30.000 Deutsche als Facharbeiter und Arbeitskräfte im Bergbau und der Industrie zurückgehalten wurden und großenteils bis in die späten 1950er Jahre nicht ausreisen durften. Sie erlebten die Ansiedlung der Polen in „ihrer Stadt“, die aus ganz unterschiedlichen Regionen und Gründen nach Wałbrzych kamen. Sie wurden Zeugen und Opfer der Anfänge der polnischen kommunistischen Verwaltung, der Stalinisierung des politischen Systems seit 1948 und schließlich der politischen Veränderungen mit den Einschnitten 1950 (Görlitzer Abkommen), 1953 (Stalins Tod) und 1956 (polnischer Oktober und Liberalisierung), die eine kulturelle Autonomie für die deutsche Minderheit ermöglichten. Für den Zusammenhalt innerhalb der deutschen Gemeinschaft spielte das kirchliche Leben eine besondere Rolle, und die wenigen deutschen Pfarrer, die noch in Polen bleiben durften, konnten nur in Zusammenarbeit mit Laien und den polnischen Geistlichen die Betreuung der vielen Restgemeinden aufrecht erhalten.

Im Juli 2014 hatte HAUS SCHLESIEN in Königswinter bereits mit guter Resonanz eine erste Fachtagung zum Themenkomplex Nachkriegszeit im Waldenburger Bergland unter besonderer Berücksichtigung der ökumenischen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken der deutschen Minderheit in Niederschlesien durchgeführt. Leider konnten damals die eingeladenen Referenten aus Waldenburg/Wałbrzych kurzfristig nicht anreisen. Damit fehlten in der Diskussion die Erfahrungen der in Schlesien verbliebenen Deutschen, ebenso wie die der polnischen Waldenburger.

Mein Eindruck in Königswinter war, dass die Erinnerungen und Berichte der deutschen Waldenburger, die ihre Jugend in den Nachkriegsjahren in Wałbrzych in einer unfreiwilligen deutsch-polnischen Gemeinschaft verlebt hatten, in die Stadt ihrer Herkunft zurückgetragen werden sollten. Durch eine Folgetagung,  die als gemeinsame Veranstaltung der Kulturreferentin für Schlesien, des Dokumentations- und Informationszentrum von HAUS SCHLESIEN, der Kirchlichen Stiftung Ev. Schlesien in Görlitz und Dr. Inge Steinsträßer, Bonn, vorbereitet wurde, konnte der Kreis sowohl der Zeitzeugen als auch der Wissenschaftler um polnische Stimmen erweitert werden. Kooperationspartner in Waldenburg waren die Staatliche Fachhochschule Waldenburg (Państwowa Wyższa Szkoła Zawodowa im. Angelusa Silesiusa) und der Deutsche Freundschaftkreis (Niemieckie Towarzystwo Społeczno-Kulturalne w Wałbrzychu).

Die von fast 100 Teilnehmern besuchte Veranstaltung fand durchgängig zweisprachig statt und wurde gefördert von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Einen breiten Raum nahmen verschiedene Zeitzeugengespräche ein. Drei junge polnische Nachwuchswissenschaftler beeindruckten das Publikum und die angereisten Referenten durch ihre Beiträge: Dr. Tomasz Nochowicz sprach über die Übernahme der evangelischen Kirchen durch Staat und Kirche, Natalia Południak über die evangelische Kirche in Rothenbach (Górce) und Aleksander Karkosz über Flucht und Vertreibung aus der Region Waldenburg am Beispiel konkreter Familienschicksale. Eine Publikation befindet sich in Vorbereitung und wird im Laufe des Jahres 2016 erscheinen. 

Annemarie Franke