Seiten in anderer Sprache:

Druckansicht aufrufen:

Suchbegriff eingeben:

Hauptnavigation:

Unternavigation:

Stalinbüste, Foto: SMG 

 

 

Chronik der Stadtbibliothek Görlitz, Foto: SMG 

Leihgaben der Stadtbibliothek Görlitz:

Liste des zu entfernenden NS-Schrifttums, 1946

Bescheinigungen über Abholung und Vernichtung von Büchern, Görlitz 21. und 22.10.1946

Stellenangebot für die Buchprüfkolonne, Görlitzer Anzeiger, 13.12.1946

Stalinbüste aus Gips, stand bis 1953 im Lesesaal der Stadtbibliothek Görlitz 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte nationalsozialistisches Gedankengut ausgemerzt werden. Die Buchbestände in Bibliotheken, Verlagen, Buchhandlungen und Privathaushalten wurden durch Buchprüferkolonnen kontrolliert. Etwa eine halbe Million Schriften sind in Görlitz bis Ende 1946 eingezogen und zu großen Teilen eingestampft worden.

Ein umfangreiches Konvolut an Dokumenten, das von der Stadtbibliothek Görlitz übergeben wurde, vermittelt einen Eindruck von den Vorgängen 1945/46, die auf die ideologische Neuausrichtung der Einrichtung zielten. Ein Jahr lang blieb die Bibliothek geschlossen. In dieser Zeit wurde der gesamte Bücherbestand einer Prüfung unterzogen. Im Verlaufe des Jahres 1946 sonderte eine Buchprüferkolonne etwa die Hälfte aller Bücher aus, da sie nun im Widerspruch zur neuen politischen Ordnung in der Sowjetischen Besatzungszone standen. 

Am 15. Mai 1946 wurde die Stadtbibliothek wieder geöffnet – mit einem Bestand von nur noch etwa 10.000 Bänden, die wohl vorläufig freigegeben worden waren. Denn die Überprüfung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen.

Die Buchprüferkolonne musste anfangs ihre Entscheidungen über die ideologische Eignung der Literatur nach freiem Ermessen treffen. Erst im Verlaufe des Jahres 1946 waren umfangreiche Index-Verzeichnisse mit den Namen von Autoren und Buchtiteln von zentraler Stelle zusammengestellt worden. Die Buchprüfer – meist aus kaufmännischen Berufen, aber mit SED-Mitgliedschaft - verfügten offenbar nicht über die nötigen Kenntnisse der deutschen und internationalen Literatur.

So verwundert es nicht, dass auch Werke bedeutender Schriftsteller verkannt und beschlagnahmt worden sind. In einem Brief des Kreisschulamtes vom 31.12.1946 werden zum Beispiel Theodor Fontane, die Brüder Grimm, Fritz Reuter, Gustav Freytag, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, Theodor Storm oder Rudyard Kipling genannt. Man forderte deshalb eine erneute Überprüfung der ausgesonderten Buchbestände, nicht zuletzt, um den Schulen die in den neuen Lehrplänen empfohlene Literatur zur Verfügung stellen zu können.