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herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

 

Ein Kammerdiener als Buchautor. Die Wiederentdeckung einer Handschrift

Ein Kammerdiener als Tagebuchautor. Die Wiederentdeckung einer Handschrift
Während der Vorbereitungen zu den Sonderausstellungen „Adel in Schlesien“ entstand der Kontakt zu Frau Ursula Röthig in Görlitz. Ihr Vorfahre Jakob Graf war von 1791-1816 Kammerdiener im Hause der Grafen Schaffgotsch in Bad Warmbrunn und führte über seine Diensterlebnisse Tagebuch.

Die Aufzeichnungen umfassen in der gedruckten Abschrift ca. 20 Seiten und enthalten Beschreibungen der Begebenheiten, wie es zu seiner Anstellung bei dem Grafen Schaffgotsch kam, wie sich die Beziehung zwischen Kammerdiener und „seiner Herrschaft“ entwickelte, insbesondere unter dem Gesichtspunkt der Entlohnung, sowie Erlebnisse während der „Franzosenzeit“. Den Abschluss bildet seine Berufung zum „Armen-Hospitalverwalter“ in Bad Warmbrunn und der damit verbundenen Auszeichnung mit dem Titel „Hofrath“.

Jakob Graf (1768-1845) stammte aus dem kleinen Ort Kofis in der Nähe von Komorn (Ungarn) und verließ 19-jährig den elterlichen Gasthof auf der Suche nach Abenteuern und Arbeit. Wien und Graz waren seine Stationen, verbunden mit ersten Anstellungen. Eigentlich wollte er weiter ziehen nach Triest zum Seehafen, aber über seine Beziehungen zum Diener des Grafen von Stubenberg bekam er das Angebot nach Schlesien zu gehen. Der junge Graf Leopold Gotthard von Schaffgotsch (1764-1834) sollte bald heiraten, seine Mutter war Anna Juliane zu Stubenberg (1742-1812), verheiratet mit Johann Graf Nepomuk von Schaffgotsch (1732-1808). „Ich konnte frisieren und balbieren (...) Dies machte mich zum Kammerdiener.“ Die Aufzeichnungen zeugen von der engen Beziehung zwischen Kammerdiener und „seiner Herrschaft“. Immer wieder beklagt sich Jakob Graf über die schlechte Bezahlung und erwähnt zugleich jeden Gulden und Kuranten, den er extra verdienen konnte. „Ich küßte untertänigst das Kleid nebst meinen Herzlichen Dank…“

Nachdem ihm seine Gesundheit nicht mehr erlaubte, als Kammerdiener „seine Herrschaft“ bei Reisen und täglichem Geschäft zu begleiten, übertrug ihm der Graf im Jahr 1816 die Aufgabe, das neu eingerichtete Armen-Hospital zu leiten. Über seine Familie erfahren wir in dem Tagebuch wenig. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau Josepha geb. Scharf einen Sohn. Die Enkelin von Jakob Graf hieß Clara (1834-1917) und war die Urgroßmutter von Ursula Röthig, geborene Braunsburger. Clara Graf durfte den Mann ihres Herzens nicht heiraten, denn er war Protestant. Max, ihr Sohn aus dieser Verbindung, erhielt den Namen Graf. Sie selbst heiratete später August Braunsburger (1836-1921). Die Familie lebte in Schlesien im Kreis Löwenberg und ging 1906 nach Görlitz, um in der aufstrebenden Stadt eine Bäckerei zu eröffnen, was auch erfolgreich in der Langenstraße gelang. Die Nachfahren des Max Graf leben heute in Herrenhut.

Bei einer Veranstaltung der Kulturreferentin im Rahmen des Begleitprogramms zu den Ausstellungen „Adel in Schlesien“ las Volker Richter verkleidet als Kammerdiener aus der Abschrift der Aufzeichnungen des Jakob Graf. Unter den Gästen waren sowohl die Familie Röthig als auch die Geschwister Graf aus Herrenhut, die das Original der Handschrift mitgebracht hatten, was in den 1970er Jahren aus dem Görlitzer Haushalt Braunsburger in die Herrnhuter Familie Graf gewechselt war. (s. Foto) Bei der Wiederbegegnung jetzt im Schlesischen Museum stellte sich heraus, dass sich außerdem ein „Familienbuch“ erhalten hat mit Aufzeichnungen zu Geburten, Todestagen, Berufen und Begebenheiten. Gemeinsame Familienforschungen der Nachfahren Graf werden möglicherweise bald neue Erkenntnisse über ihren Vorfahren, den Kammerdiener Jakob Graf, ans Tageslicht heben.

Annemarie Franke, Kulturreferentin für Schlesien