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herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

 

Annährung an die gemeinsame Geschichte

Erstmals ist eine grenzüberschreitende Gesamtschau mit vier Ausstellungen zur Geschichte des Adels in Schlesien und in der Oberlausitz entstanden: Die reich ausgestattete Ausstellung des Liegnitzer Kupfermu-seums behandelt unter dem Titel „Ritter der Freiheit, Hüter des Rechts“ die Epochen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert – die hohe Zeit adliger Machtentfaltung. Das Schlesische Museum und das Kulturhistorische Museum in Görlitz schließen mit ihrer Ausstellung „Beharren im Wandel“ im Kaisertrutz daran an und zeigen die Adelsgeschichte in Schlesien und in der Oberlausitz seit Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Eine ergänzende Schau im Schönhof richtet den Blick weiter zurück in die Oberlausitz des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Im Breslauer Universitätsmuseum ist eine Ausstellung über Gräfin Friederike von Reden, der „Mutter des Hirschberger Tals“, zu sehen.

Das zentrale Thema des Kooperationsprojektes erfährt seit einigen Jahren verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit und gewinnt an Popularität. Erst die Neuordnung Europas nach 1989 hat die politischen und ideologischen Hindernisse abgebaut, um die im östlichen Deutschland und in Polen seit Ende des Zweiten Weltkrieges gewachsenen Lücken in der Erforschung des Adels aufzufüllen. Auf beiden Seiten der Oder-Neiße-Grenze hatte man zuvor das politische und wirtschaftliche Ende des Adels als gesellschaftlichen Fortschritt gefeiert. Wertvolles Kulturgut ging verloren, wurde zerstört, wanderte in Museumsdepots oder sollte dem Volke zugutekommen – soweit dies finanziell möglich und ideologisch passend war.

Die Ausstellungsvorbereitungen haben gezeigt, wie notwendig und erkenntnisfördernd die Kooperation der Museen über die Grenze hinweg ist. Die Kontakte zwischen den Partnern und zu zahlreichen Leihgebern haben Informationen über die Geschichte von Adelssitzen und -familien wie in einem Mosaik zusammengeführt und den Blick auf die Museumsobjekte erweitert. Mit den Ausstellungen und dem Katalog ist dieses Wissen aufbereitet worden und nun der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

In der Görlitzer Ausstellung „Beharren im Wandel“ sind die Leihgaben aus Polen sehr geschätzte Gäste. Museen in Liegnitz/ Legnica, Bad Warmbrunn/ Cieplice Sląskie Zdroj, Grünberg/ Zielona Góra, Oppeln/ Opole, Gleiwitz/ Gliwice und Pless/ Pszczyna, die Stadt Hirschberg/ Jelenia Góra, die Berufsschule in Friedersdorf/ Biedrzychowice und die Pfarrgemeinde Arnsdorf/ Milków entsandten Objekte nach Görlitz und gehören zu den insgesamt etwa 55 Leihgebern. Ihre Exponate präsentieren sich nun gemeinsam als Stellvertreter einer einstigen Adelslandschaft.

Von der Stadt Hirschberg wurde zum Beispiel eines der ältesten Objekte unserer Ausstellung zur Verfügung gestellt: das Gemälde vom Schloss Hermsdorf (polnisch: Sobieszów), das Graf Hans Anton v. Schaffgotsch zwischen 1705 und 1712 errichten ließ. Das Bild entstand zwischen 1725 und 1735 und bietet einen landkartenartigen Überblick über die Kulturlandschaft, die durch intensive Bewirtschaftung entstanden ist. Das Schloss beherbergte neben der Güterverwaltung anfangs auch die berühmt gewordene Schaffgotsch´sche Majoratsbibliothek sowie die Kunst- und Raritätensammlungen

Auch das jüngste Exponat der Ausstellung stammt aus Polen: ein Festtagsornat des Pfarrers Zbigniew Kulesza in Arnsdorf /Miłków. Es wurde 2010 aus Spenden finanziert, die nach dem letzten Willen Christoph v. Schmettaus (1929–2010) bei seinem Begräbnis gesammelt wurden. Er hatte in Arnsdorf im Schloss seiner Familie seine Kindheit verbracht. In den 1980er Jahren organisierte er von der Bundesrepublik aus Hilfstransporte für seinen Heimatort; nach der Wende in Polen zog es ihn alljährlich für längere Zeit hierher. Beim Besuch der Heiligen Messe hatte man ihm stets den Platz im alten Patronatsgestühl zugestanden. Dieses und andere Beispiele zeigen, dass die Verbindungen Adliger zu ihren früheren Familiensitzen in Schlesien und in der Oberlausitz vielfach wiederbelebt werden konnten. So wird die Geschichte der Orte und Regionen ein Teil der Gegenwart ihrer heutigen Bewohner – unsere Ausstellungen wollen dazu beitragen.

Martina Pietsch