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herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

Der Museumsdirektor zur Entwicklung der Sammlung im Schlesischen Museum

Museumsarbeit wird heute fast ausschließlich nach ihrer öffentlichen Wirksamkeit beurteilt: hohe Besucherzahlen, spektakuläre Ausstellungen, zahlreiche Publikationen und eine dichte Reihe von „Events“ garantieren Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dabei gerät zuweilen in Vergessenheit, dass das Lebenselixier des Museums nicht das Präsentieren, sondern das Sammeln ist. Aufbau und Entwicklung einer Sammlung, systematische Erfassung, Pflege und Erforschung der Sammlungsobjekte bestimmen wesentlich den Alltag der Museumsmitarbeiter. Im Falle des Schlesischen Museums kommen Ausbau und Erweiterung der Sammlung besondere Bedeutung zu. Denn das Museum kann ja nicht wie manches traditionsreiche Haus auf eine jahrzehnte- oder gar jahrhundertelange Sammlungsgeschichte zurückblicken, sondern hat, was es heute zeigt, erst in den letzten zwölf Jahren zusammengetragen. Für die Zukunft stellt sich, angesichts immer knapper werdender Ressourcen, verstärkt die Frage nach Zielen und Methoden des Sammlungsaufbaus und nach den Strategien des Erwerbs. Die Mitarbeiter und der Wissenschaftliche Beirat des Museums haben sich im vergangenen Jahr mit dieser Frage eingehend beschäftigt. Einige Ergebnisse seien hier kurz zusammengefasst.

In der Entwicklung der Sammlung stellt das Jahr 2006, als die ständige Ausstellung des Schlesischen Museums eröffnet wurde, einen wichtigen Einschnitt dar. In den Jahren davor galt es, in kurzer Frist eine große Vielfalt von Objekten aus unterschiedlichen Epochen und historischen Lebensbereichen für das Museum zu gewinnen und diese unmittelbar für die Präsentation in der ständigen Ausstellung nutzbar zu machen. Denn es sollte ein möglichst umfassendes und vielschichtiges Bild von der Geschichte Schlesiens entstehen. Nach 2006 hat sich das Erwerbsinteresse verändert. Jetzt treten Ziele der klassischen Museumsarbeit stärker in den Vordergrund: der Ausbau von kohärenten Fachsammlungen, die Entwicklung eines unverwechselbaren Sammlungsprofils, die Ausbildung von Alleinstellungsmerkmalen. Bei der Entscheidung für einen Erwerb spielen nun auch längerfristige Ausstellungs-, Forschungs- und Publikationsvorhaben eine Rolle, Kooperationen, fachlicher Austausch und Leihverkehr mit anderen Museen.

Schenkungen haben beim Aufbau der Sammlung eine herausragende Rolle gespielt, und das wird – so ist zu hoffen – auch in Zukunft so sein. Allerdings werden für die Aufnahme in die Sammlung inzwischen strengere Kriterien angelegt. War in früheren Jahren allein ausschlaggebend die regionale Provenienz (in der Regel: aus Schlesien) und die Zeitstellung (in der Regel: vor 1945), so kann es sich das Museum inzwischen leisten, stärker zu selektieren. So werden etwa persönliche Papiere, Briefe u.a. Unterlagen, nicht aufgenommen (wohl aber Berichte von Flucht und Vertreibung und vom Leben in Schlesien in der NS-Zeit, Tagebücher u.a. Ego-Dokumente). Weil sie zu viel Platz in den Depots beanspruchen würden, werden Möbel, Maschinen u.a. Großgeräte meist zurückgewiesen. Auch in bestimmten Bereichen der Alltags- bzw. Massekultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist das Museum am Rande seiner Aufnahmefähigkeit angekommen. Hier hängt das Erwerbsinteresse häufig davon ab, ob über ein fragliches Objekt nähere Informationen zu erlangen sind, ob es mit einer „Geschichte“ verbunden ist und in einen konkreten Kontext verortet werden kann.

Als sehr erfolgreich erwies sich in der Vergangenheit die enge Zusammenarbeit mit Sammlern. Da es sich bei diesen häufig um noch in Schlesien geborene Personen handelt, steht die Entscheidung über den längerfristigen Verbleib der Sammlungen in vielen Fällen in den nächsten Jahren an. Mehrfach gelang es in der Vergangenheit, auf dem Weg der Schenkung oder als Dauerleihgabe oder gegen einen vergleichsweise geringen Kaufpreis umfangreiche, qualitätvolle und repräsentative Sammlungskomplexe für das Museum zu gewinnen. Diese Strategie verspricht auch für die Zukunft Erfolg.

Die Möglichkeiten des käuflichen Erwerbs neuer Sammlungsobjekte sind dagegen sehr beschränkt. Es ist sehr fraglich, ob der bislang für diese Zwecke ausgesetzte und eigentlich ganz ungenügende Etat im Wirtschaftsplan (in den letzten Jahren: rund 10.000 €) in Zukunft in dieser Höhe gehalten werden kann. Dazu kommen einige Tausend Euro über Spenden. Ferner besteht bei Objekten von herausragender kulturgeschichtlicher Bedeutung immer wieder einmal die Möglichkeit, auf die Unterstützung von Stiftungen oder auf Projektmittel der öffentlichen Hand zurück-zugreifen.

Beim Ankauf kommt es daher darauf an, mit Bedacht vorzugehen und aus dem Angebot eine gut begründete Auswahl zu treffen. Die wichtigsten Auswahlkriterien: Erstens ist es das Ziel, bestehende Sammlungsbereiche auszubauen und zu vertiefen, Stärken weiter zu entwickeln, Schwerpunkte und Alleinstellungsmerkmale auszubilden. Zweitens besteht die Absicht, offensichtliche Schwächen und Lücken in der ständigen Ausstellung durch einzelne Objekte auszufüllen, etwa im Ausstellungsraum, der sich mit dem Mittelalter befasst (wobei  im Einzelfall zu prüfen ist, ob es sich wirklich lohnt, ein sehr teures Objekt zu erwerben, wenn es ohne Beziehung zur bestehenden Sammlung ist). Drittens ist es der Wunsch, aussagestarke Objekte zu erwerben, die einen wichtigen historischen Sachverhalt beleuchten, in einem vermittelbaren Zusammenhang mit einer bedeutsamen schlesischen Institution oder Persönlichkeit stehen oder als attraktive „Galionsfiguren“ der Sammlung herausgestellt werden können.

Für einzelne volkskundliche Sammlungsbereiche lassen sich die Erwerbsinteressen des Museums recht genau benennen, so für die Bereiche Glas, Keramik und Porzellan, Gold- und Silberschmiedearbeiten und Eisenkunstguss. Im Bereich der bildenden Kunst sollte der Schwerpunkt auf das 20. Jahrhundert gelegt und die bereits jetzt be-deutende Sammlung mit Arbeiten aus dem Umkreis der Breslauer Akademie weiter aus-gebaut werden. Hier liegen etliche konkrete Kaufangebote vor, die in den nächsten Jahren nach Möglichkeit realisiert werden sollten.

Dr. Markus Bauer