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herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

Hrsg. Pietsch, Martina: Lebenswege ins Ungewisse | Drogi w nieznane. Stiftung Schlesisches Museum zu Görlitz, 2011.  

1945: Vertriebene auf der Landeskronstraße © Ratsarchiv Görlitz 

1939/40: Polnische Kriegsgefangene im Dulag Görlitz. © RAG 

2010: Zeitzeugin Irena Serafin bei Filmaufnahmen. Foto © SMG 

Eine Stadt voller Geschichten vom Wegmüssen und vom Ankommen

Über die Ausstellung „Lebenswege ins Ungewisse. Migration in Görlitz-Zgorzelec zwischen 1933 und heute“ sprach Maximilian Eiden mit der Kuratorin Dr. Martina Pietsch und Projektkoordinator Markus Lammert.

Eiden: Was erwartet einen Besucher der Ausstellung „Lebenswege ins Ungewisse“?

Pietsch: Ihn erwarten Menschen mit Berichten über ihre Lebenswege. Es sind Personen aus drei Generationen, und ihnen ist gemeinsam, dass in ihren Biografien Görlitz und Zgorzelec zentrale Orte sind. Der Besucher erlebt ihre Berichte in einer filmischen Inszenierung, die sich über den gesamten Ausstellungsraum erstreckt. Gleichzeitig zeigen wir die Entwicklung von Görlitz und Zgorzelec von 1933 bis heute mit Hilfe von Exponaten, Texttafeln und Fotografien. So entsteht ein Panorama der Doppelstadt, das sehr persönlich ist, zugleich aber sachliche Information bietet.

Eiden: Das Besondere an der Ausstellung ist das filmische Gespräch der Zeitzeugen im Raum.

Pietsch: Ja, hier sind wir einen für uns ganz neuen Weg gegangen. Unser Material waren die gefilmten Interviews mit unseren zehn Zeitzeugen. Sie haben völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht, jeder ist einen ganz anderen „Lebensweg ins Ungewisse“ gegangen. Aber sie alle mussten ihren Heimatort verlassen und in der Fremde ein neues Leben beginnen. Die Berichte haben wir am Schneidetisch verdichtet und zusammengeführt. So ist ein fiktives Gespräch zwischen den Protagonisten entstanden, an dem die Besucher als Zuhörer teilnehmen können.

Eiden: Welche Hilfen zum Verstehen der Berichte gibt die Ausstellung?

Lammert: Hier greifen wir auf weniger ungewöhnliche Mittel zurück, wie sie in Ausstellungen üblich sind. Texttafeln informieren über die oftmals dramatischen Wendungen in der Stadtgeschichte, die für die einen bedeuteten, hier anzukommen, für die anderen, von hier wegzugehen. Dies wird ergänzt durch dokumentarische Fotos sowie zwei Serien von Objekten. Die eine Serie macht Spuren des Kommens und Gehens in der Stadtlandschaft sichtbar. Die andere besteht aus je einem Erinnerungsstück von jedem Zeitzeugen.

Eiden: Welche Geschichten erzählen diese persönlichen Objekte?

Pietsch: Es sind Zeugnisse von Vertreibung – die schon 1933 begann, als jüdische Bürger aus Görlitz fliehen mussten – von Kriegsgefangenschaft, Emigration und Ansiedlung, vom Umzug an einen neuen Arbeitsplatz oder vom Finden eines angenehmen Wohnorts für das Alter.

Lammert: Von einem unserer Zeitzeugen stammt beispielsweise eine Heimatchronik – ein Erbstück seiner Familie, die in Görlitz östlich der Neiße lebte. Im Sommer 1945, als die Stadt geteilt wurde, mussten sie innerhalb von 15 Minuten ihre Wohnung verlassen und wurden über die Neiße getrieben. Die Familie fand Unterkunft bei Verwandten im Westteil von Görlitz. Der gesamte Besitz und die Erinnerungsstücke an das bisherige Leben waren aber verloren. Doch im Jahr 1950, am Rande der Feierlichkeiten zum Abschluss des Grenzvertrags zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen, wurde das Buch von einem polnischen Beamten der deutschen Delegation übergeben. Auf Umwegen gelangte es schließlich wieder in den Familienbesitz.

Eiden: Damals waren 40% der Einwohner des deutsch gebliebenen Teils von Görlitz Vertriebene. Die Ausstellung zeigt auch, wie auf der anderen Seite der Neiße eine neue polnische Stadt entstand. Woher kamen die Menschen, die sich hier anstelle der vertriebenen Deutschen niederließen?

Pietsch: Zu den ersten Bewohnern von Zgorzelec gehörten Militärangehörige der II. Polnischen Armee, die in der Region gekämpft hatte. Es kamen Menschen aus dem zerstörten Zentralpolen und Rückkehrer aus Westeuropa und Deutschland, darunter viele ehemalige Zwangsarbeiter. Ein großer Teil der Ansiedler war gezwungen worden, ihre Heimat in Ostpolen zu verlassen, das am Kriegsende auf die Litauische, Weißrussische und Ukrainische Sowjetrepublik aufgeteilt wurde. Später wurden Griechen und slawischsprechende Makedonier angesiedelt, die nach dem Bürgerkrieg aus Griechenland flüchten mussten.

Eiden: Eine der Zeitzeuginnen gehört zu den ersten Ansiedlern in Zgorzelec.

Lammert: Frau Serafin. Ihre Geschichte ist kompliziert, aber gerade deswegen durchaus beispielhaft. Irena Serafin kam im November 1945 in die Stadt, die damals noch Zgorzelice hieß. Sie stammt aus der ostpolnischen, heute weißrussischen Kleinstadt Baranowicze. Während des Zweiten Weltkriegs erlebte sie sowohl die sowjetische als auch die deutsche Besatzung ihrer Heimat. 1944, nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands, wurde sie als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt. Nach Kriegsende kehrte sie mit ihrem Mann, der ebenfalls in Deutschland Zwangsarbeit geleistet hatte, nach Polen zurück und ließ sich in der Stadt an der neuen Westgrenze des Landes nieder.

Eiden: Die Grenzziehung von 1945 war Ausgangspunkt vieler „Lebenswege ins Ungewisse“ auf beiden Seiten der Neiße. Die Ausstellung richtet aber den Blick auch auf die folgenden Jahrzehnte.

Pietsch: So unterschiedlich die Folgen der Teilung, der neuen Grenzziehung und des zwangsweisen Bevölkerungsaustausches für die beiden Hälften der Stadt waren – es gibt auch Gemeinsamkeiten. Dazu gehört die Entwicklung der Regionen um Görlitz und Zgorzelec zu bedeutenden Standorten der Kohleförderung und Energiegewinnung. Zehntausende Menschen kamen seit Ende der fünfziger Jahre hierher an die Neiße. Sie waren auf der Suche nach Arbeit, guten Verdienstmöglichkeiten und Wohnung.

Eiden: Warum wählt die Ausstellung diesen konsequent grenzüberschreitenden Zugang?

Lammert: Wir möchten zeigen, dass die beiden – heute längst miteinander verflochtenen – Stadtgesellschaften stark differenziert sind. Die Vielfalt dieser Stadt kann man nicht auf die Unterscheidung hier deutsch, dort polnisch reduzieren. Das ist eine Folge der erzwungenen und freiwilligen Migrationen im 20. Jahrhundert. Und diese Bevölkerungsbewegungen setzen sich bis heute fort. Zwei Zeitzeugen sind erst in den letzten Jahren zu- bzw. weggezogen. Ihre Geschichten zeigen die Strukturprobleme, mit denen beide Städte in ähnlicher Weise zu kämpfen haben ebenso wie die Chancen in der Zukunft.

Eiden: Warum eine Ausstellung über Migration in Görlitz und Zgorzelec?

Pietsch: Viele Gäste werden zur 3. Sächsischen Landesausstellung nach Görlitz kommen und sich über Handel und Wandel auf der großen mittelalterlichen Ost-West-Verbindung via regia im Kaisertrutz informieren. Wir bieten einen gegenwarts- und ortsbezogenen Blick auf das Thema. Die Bewegungen der Menschen zwischen Ost und West haben sich im 20. Jahrhundert in dramatischer Weise fortgesetzt. Durch Krieg und Diktaturen wurden sie hin und her geworfen, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen haben sie veranlasst, sich einen neuen Ort zum Leben zu suchen. Für die Gäste, aber auch für die Bewohner der Doppelstadt wollen wir deren komplizierte deutsch-polnische Geschichte ein wenig deutlicher machen. Wir versuchen, einen neuen, anderen Blick auf die Stadtgeschichte zu werfen, schlagen aber auch Stadtgeschichte als Zugang zum großen Thema Migration vor.