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herausgegeben vom Förderverein Schlesisches Museum zu Görlitz – Landesmuseum Schlesien e.V.

 

Neue Sonderausstellung eröffnet:
 „Reiseziel: Schlesien“

Am 1. Mai 2010 wurde im Schlesischen Museum eine neue Sonderausstellung unter dem Titel „Reiseziel: Schlesien“ eröffnet. Aus diesem Anlass sprach der Kulturreferent Maximilian Eiden mit den Kuratoren Anja Köhler und Dr. Martin Kügler  sowie der Praktikantin Romy Pietsch

Eiden: Herr Kügler, warum ist das Reisen in Schlesien eine eigene Ausstellung wert?

Kügler: Weil das Thema Reisen jeden anspricht, jeden betrifft. Fast alle Menschen fahren gerne weg, wollen von Zeit zu Zeit den eigenen vier Wänden entfliehen, den Horizont erweitern. Und das Schlesische Museum zeigt eben „sein“ Land als lohnendes und lockendes Reiseziel, in der Vergangenheit, aber auch mit Blick auf die Gegenwart.

Eiden: Wofür war Schlesien, wofür ist Schlesien bei Reisenden beliebt?

Köhler: Schlesien lässt als Reiseland einfach keine Wünsche offen: In Breslau findet man Großstadtflair und Hochkultur, die Natur kann man im Riesengebirge im Sommer als Kurgast oder Wanderer, im Winter auf Skiern genießen. Das Riesen- und Isergebirge sowie das Glatzer Bergland haben eine große Zahl von Heilbädern zu bieten. Auch als Ziel von Bildungsreisen kam Schlesien in Frage, zum einen weil sich dort zahlreiche renommierte Schulen und Zentren der Gelehrsamkeit fanden, zum anderen weil schon die genaue Beobachtung und Erkundung des Landes, seiner Natur oder Wirtschaft lehrreich war. Bildung und Erholung konnten auch Hand in Hand gehen.

Kügler: Ein alter, aber bis heute lebendiger Antrieb für das Reisen war auch die Religion – in Schlesien gibt es eine Reihe wichtiger Wallfahrtsorte wie Trebnitz, Albendorf oder Wartha, die teilweise Pilger auch aus dem Ausland anzogen.

Eiden: Frau Köhler, war das Reisen in Schlesien früher eher abenteuerlich und beschwerlich oder ein Vergnügen?

Köhler: Natürlich machten Reisende je nach Strecke und ihrer eigenen Ausstattung ganz unterschiedliche Erfahrungen. Die Gräfin Ida von Hahn-Hahn meinte, nachdem sie 1843 Schlesien durchquert hatte, dies sei eine gute Vorbereitung auf den Orient, wohin sie unterwegs war. In der zur Baude umfunktionierten Lorenzkappelle auf der Schneekoppe hatte sie wegen der Kälte und Unsicherheit in den Kleidern übernachtet. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Reisen endgültig seinen Entdeckungs- und Abenteuercharakter, der Weg zum Massentourismus wurde frei. Komfortables Reisen wurde immer erschwinglicher. Wohlhabende Reisende fanden in Schlesien damals jeden denkbaren Komfort, in den Badeorten und in Breslau sogar einigen Luxus vor.

Eiden: Zog Schlesien auch prominente Reisende an?

Kügler: Mehr als wir in der Ausstellung darstellen konnten! Da finden sich die berühmtesten Dichter, angefangen bei Goethe, der Schlesien als „zehnfach interessantes Land“ pries, über Kleist, Körner und E.T.A. Hoffmann bis hin zu Theodor Fontane. Da sind die Maler, unter denen einige wie Caspar David Friedrich das Riesengebirge zu einer deutschen Traumlandschaft machten. Chopin hatte seinen ersten Auslandsauftritt in Bad Reinerz. Aber es kamen einfach alle, bis hin zu den gekrönten Häuptern. Seit Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise, die im Jahr 1799 die Schneekoppe bestiegen, haben alle preußischen Monarchen ihre Sommer vor allem in Schlesien genossen. Dadurch wurde es in der feinen Gesellschaft in Preußen chic, nach Schlesien zu reisen.

Köhler: Der Adel, aber auch zunehmend weitere bürgerliche Kreise konnten sich hier auch ihrem Monarchen nahe fühlen, vielleicht bisweilen näher als in Berlin. Fahrten von dort nach Schlesien waren übrigens damals viel kürzer als heute. 1936 brauchte der Expresszug von Berlin nach Breslau 2 3/4 Stunden. Heute dauert die schnellste Verbindung 5 Stunden 20 Minuten.

Eiden: Herr Kügler, Sie gehen ausführlich auf die Rolle der Eisenbahn ein.

Kügler: Weil die Eisenbahn schon sehr bald nach dem Ausbau der ersten Strecken das Reisemittel des 19. Jahrhunderts wurde. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde das Auto so erschwinglich, dass es wirklich mithalten konnte. Schlesien wurde im Vergleich zu anderen Landschaften sehr früh an überregionale Eisenbahnnetze angeschlossen. Sogar nach Wien reiste man von Berlin aus über Schlesien. Ausschlaggebend für diese gute Anbindung war natürlich der Boom des oberschlesischen Bergbau- und Industriereviers.
Eiden: Das erleichterte den Übergang zu Massentourismus - wann setzt er in Schlesien ein?
Kügler: Man wird ungefähr die Reichsgründung als Schwelle sehen. Nach 1870 waren fast alle schlesischen Badeorte mit der Bahn bequem erreichbar. Die Nebenstrecken waren zahlreich, Fahrkarten in mehreren Preisstufen erhältlich. Für Arbeitnehmer wurde erst in dieser Zeit so etwas wie Freizeit oder Urlaub möglich.

Eiden: Frau Köhler, was waren ihre Leitgedanken beim Aufbau der Ausstellung?

Köhler: Wir wollten zeigen: Schlesien hat das Riesengebirge – und damit eine einzigartige Urlaubslandschaft. Meine Diplomarbeit zu diesem Thema war eine gute Grundlage für das Ausstellungskonzept. Schlesien ist aber auch viel mehr als das Riesengebirge. Deswegen ist unsere Ausstellung als eine Rundreise zu touristischen Höhepunkten des Landes angelegt.
Die Ausstellung umfasst 16 Stationen und 4 Kinderstationen. Jede Station ist fast eine kleine Ausstellung für sich, klar abgeteilt und, so hoffen wir, voller Entdeckungen. Sogar eine Abfahrt durchs winterliche Riesengebirge, mit der Helmkamera gefilmt ist dabei.

Eiden.: Frau Pietsch, Stichwort Kinderstationen. Was bietet die Ausstellung Familien mit Kindern?

Pietsch: Wir wollten eine Ausstellung für Familien machen, die sich von dem im Museum Üblichen unterscheidet, wo Kinder auch mal was anfassen dürfen, nicht immer nur gucken müssen. Lustige Comics erklären den Kindern, was man an den Kinderstationen spielen kann. Die erste Station ist ein Reisespiel, bei dem man spielerisch etwas über die schlesischen Städte lernen kann, dann kommt eine Station, wo Kinder in die Rolle eines Wanderers, eines Badegasts oder der Königin Luise schlüpfen und sich entsprechend verkleiden dürfen, dann eine Poststation, wo die Kleinen eigene Postkarten entwerfen und verschicken können, und schließlich eine Souvenir-Station, bei der wir mit einem Tastspiel Neugier und Aufmerksamkeit wecken wollen.

Eiden: Und wer hat das alles gemalt und gestaltet?

Kügler: Der Etat der Ausstellung war leider sehr knapp, so dass wir selbst viele Ideen entwickeln und mit möglichst einfachen Mitteln umsetzen mussten. Dabei entstanden selbst gezeichnete Comics für die Kinder, in denen z.B. die Geschichte der Ansichtskarte erklärt wird. Auch die Figuren in historischen Kostümen haben wir selbst aus Pappe gebaut. Das war zwar viel Arbeit und es gab auch einige technische Probleme, aber mit viel Kreativität und Einfallsreichtum haben wir, so denke ich, schöne Ergebnisse erzielt, die von den Kindern hoffentlich auch gut angenommen werden. Die jungen Besucher können selbständig in der Ausstellung aktiv werden und für Gruppen bieten wir ein umfangreiches museumspädagogisches Programm an. Auf jeden Fall spricht die Ausstellung Erwachsene ebenso an wie Kinder.

Eiden: Frau Köhler, was bietet die Ausstellung Besuchern, die gleich nach Schlesien weiterreisen wollen?

Köhler: Wir zeigen zwar die Geschichte des Reisens in Schlesien, schlagen aber auch die Brücke zum heutigen Reiseland. Schlesien als Tourismusziel ist nicht, wie manche älteren deutschen Veröffentlichungen haben glauben lassen, von der Landkarte verschwunden. Gerade der EU-Beitritt hat noch einmal eine Belebung des internationalen Fremdenverkehrs in der Region gebracht. Wir haben von verschiedenen Tourismusorganisationen eine Fülle von Prospekten und Broschüren bekommen, die die Besucher durchstöbern und mitnehmen können. So können die Besucher gleich ihre eigene Reise nach Schlesien planen.