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Im Dialog mit der Geschichte

Die Welt vom 02.10.2009
Artikel von Stefan Seewald

Das Schlesische Museum widmet sich der wechselhaften Historie der ehemaligen deutschen Ostprovinz

Im Schönhof in der Brüderstraße ist es untergebracht - das Schlesische Museum in Görlitz. Im Jahr 2006, so erzählt Musuemsdirektor Markus Bauer, kam das langgehegte Projekt zum vorläufigen Abschluss. Ein Museum für die Geschichte der ehemaligen deutschen Ostprovinz auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland konnte eröffnet werden. Anfänglich wurde das Museum von polnischer Seite sehr skeptische beobachtet, so Bauer. Von dort sei eingewendet worden, dass ein solches Haus eigentlich auf den Boden der ursprünglichen historischen Landschaft gehöre.

Inzwischen hat sich vieles verändert, meint der Museumsdirektor. Die Polen, die heute in Schlesien leben, nehmen das historische Erbe immer stärker an. Gerade in Breslau, der ehemaligen Provinzhauptstadt, versucht man, auch die deutsche Geschichte als Teil der eigenen Wurzeln zu begreifen. Soeben wurde dort ein Städtisches Museum eröffnet, dass ganz bewusst auch auf das preußische Erbe verweist - nicht unbedingt zur ungeteilten Freude vieler anderer Polen. Viele von ihnen sehen in Preußenkönig Friedrich II., der 1740 erst Schlesien in einem Raubkrieg eroberte, später die Zerschlagung Polens initiierten, einen Vorläufer Hitlers. Heutige Breslauer und Bewohner der Region haben, so Bauer, ein "neues schlesisches Selbstbewusstsein entwickelt". Das spiegele sich auch in vielen kleineren Orten, die sich bewusst ihrer früheren deutschen Geschichte zuwenden und diese beispielsweise in neu gestalteten Heimatmuseen präsentieren. Dabei erhoffen sie sich Unterstützung vom Schlesischen Museum in Görlitz. Die Anfragen aus Polen häufen sich.

Zudem wolle man zukünftig auch versuchen, gemeinsam mit Polen Sonderausstellungen zu organisieren, die dann in beiden Nachbarländern zu sehen sein sollen. Die ersten Schritte in diese Richtung sind gemacht. Markus Bauer weist darauf hin, dass unter Historikern beider Länder die Sicht auf die gemeinsame Geschichte inzwischen angeglichen ist, im öffentlichen Bewusstsein jedoch noch nicht: "Da muss man einander zuhören, sich kennen lernen."

Das Museum in Görlitz erzählt die schlesische Geschichte auf rund 2000 Quadratmetern chronologisch vom Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die einzelnen Epochen sind unterschiedlich ausgestattet. Zum Mittelalter gibt es nur wenige Exponate, die meisten sind Eigentum des Bundes. Andere Themen können recht opulent ausgestattet werden. Die vielen Ausstellungstücke sind Leihgaben oder Schenkungen privater Sammler. Im Zentrum der Dauerschau stehen 15 Glasvitrinen, die jeweils ein Exponat mit einer besonderen Geschichte zeigen, die wiederum auf einen größeren historischen Zusammenhang verweisen. Wenn man sich ausführlich diesem Bereich widmet, bekommt man einen rund 90 minütigen Schnelldurchlauf durch schlesisches Vergangenheit. "Wir wollen Schlesien als Landschaft der Begegnung zeigen", erläutert Bauer das Gesamtkonzept seines Hauses. "Hier haben immer verschiedenen Völker und Konfessionen mit- und nebeneinander gelebt." Neben der Dauerausstellung will das Museum auch Schaltstelle für gemeinsam mit Polen durchgeführten Projekten und Tagungen sein sowie Kontakt zu anderen Organisationen mit demselben Thema herstellen.

Das Ende der Dauerausstellung zeigt die dunkelsten Kapitel der Geschichte: Nazizeit und Vertreibung. Ganz bewusst wurde hier stark auf Text und Bild gesetzt. Nur wenige Exponate illustrieren die beiden Themen.

Markus Bauer sagt, dies sei der sensibelste Bereich, verweist aber noch auf einen anderen Aspekt: "Das Thema Vertreibung hat auf der menschlichen Ebene etwas Verbindendes zwischen Deutschen und Polen." Denn viele der heutigen polnischen Bewohner der ehemaligen deutschen Ostgebiet haben selbst eine Geschichte der Vertreibung zu erzählen, mussten sie doch nach Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Wohnorte in Ostpolen verlassen. Stalin hatte die ihm durch seinen Pakt mit Hitler 1939 zugefallenen Territorien nicht zurückgegeben, die polnischen Bewohner aber vertreiben lassen. Sie wurden in den nun Polen zugeschlagenen deutschen Gebieten im Westen angesiedelt. Bauer sagt, dies sei in Deutschland noch nicht immer bewusst. Die vertriebenen Polen hatten keine Möglichkeit, über den deutschen Vertriebenverbänden vergleichbare Organisationen auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, da das Thema politisch tabuisiert wurde. Auch hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. So entstand beispielsweise ein "Freundeskreis Lemberg", gegründet von ehemaligen polnischen Bewohnern der heute ukrainischen Stadt.

Das Museum zieht inzwischen auch ausländische Besucher an. So erfuhr Bauer bei einer Führung mit Japanern, dass die schlesische Sagengestalt Rübezahl in Fernost bekannt ist - über ein populäres japanisches Kinderbuch.

Es sei aber nicht leicht bei Gästen aus dem Ausland die wechselvolle Geschichte Schlesiens klarzumachen. Markus Bauer macht die Erfahrung, das insbesondere die jüngere Vergangenheit Menschen mit einer eigenen Fluchtbiografie einfacher zu vermitteln ist, etwa den aus Algerien nach dem Bürgerkrieg vertriebenen Franzosen (die dort verwurzelt waren) oder Israelis. Bauer verweist darauf, dass jüdische Schlesier auch über eine eigene spezifische Vertreibungsbiografie verfügen. Viele Mitglieder der großen jüdischen Gemeinde Schlesiens wurden zum Verlassen des Landes gezwungen - zehn Jahre, bevor ihre nichtjüdischen Landesleute die gleiche Erfahrung machen mussten. Der Historiker Bauer sagt: "Interessant ist die andere Sichtweise auf die Vertreibung." Er hat Kontakte zu Vereinen früherer jüdischer Schlesier, die heute in Israel leben. Deren seit 1959 erscheinende Publikation "Zeitschrift des Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier in Israel" will er demnächst in digitalisierter Form in Görlitzer Museum zugänglich machen. Sie enthalte "eine Fülle von Material", das dann auch in Deutschland eingesehen werden kann - zum ersten Mal, vermutet Markus Bauer