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Bild 1: Schlesien kniet vor Karl XII. und bittet um Beistand. Stich von Christian Fritsch, 1745. Foto: SMG 

Bild 2: Bekrönung des Teschener Gnadenstabes, Wien 1709. © Parafia Ewangelicko-Augsburska w Cieszynie, Fo-to: SMG 

Bild 3: Diese Nachbildung eines Gnadenstabes steht seit 1977 in Militscher Erde in einer Hannoveraner Kirche. © Ge-meinde der Gnadenkirche „Zum Heiligen Kreuz“ Han-nover-Mittelfeld, Foto: SMG 

Die Gnade des Kaisers. Wertvolle Exponate in der Sonderausstellung „Auf dem Weg zur Toleranz“

Wohl nie zuvor und nie wieder danach war das Schicksal der schlesischen Protestanten so eng mit der großen europäischen Politik verbunden wie in den Jahren 1707 bis 1709. In dieser Zeit wurde für Jahrzehnte das Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen in Schlesien bestimmt und die Gefahr eines großen kriegerischen Konflikts mitten in Europa beseitigt. Die Bikonfessionalität seiner Bevölkerung ist eine wichtige Besonderheit der Geschichte Schlesiens.

Die aktuelle Sonderausstellung im Schlesischen Museum möchte die Entwicklung nachzeichnen, die  im Begriff der „schlesischen Toleranz“ mündete.

Konkreter Anlass für die Ausstellung ist der 300. Jahrestag der Konvention von Altranstädt 1707. Im Verlauf des Nordischen Krieges (1700-1721) waren schwedische Truppen in Sachsen einmarschiert Für ein Jahr schlug der junge König Karl XII. sein Hauptquartier auf, mitten im Land seines Widersachers Augusts des Starken. Beim Durchmarsch durch Schlesien war Karl mit der schwierigen Lage der schlesischen Protestanten konfrontiert worden. Denn diese waren – trotz der Rechte, die ihnen der Westfälische Friede von 1648 zugestand – durch die von den Habsburgern energisch vorangetriebene Gegenreformation in schwere Bedrängnis geraten.

Von seinem sächsischen Hauptquartier aus forderte Karl Kaiser Joseph I. ultimativ auf, die Rechte der schlesischen Protestanten wieder herzustellen. Seine Drohung hatte Erfolg.  In der Folge der Altranstädter Konvention wurden über hundert evangelische Kirchen wieder zurückgegeben.

Zusätzlich durften in Hirschberg, Landeshut, Militsch, Teschen, Sagan und Freystadt sechs neue Gotteshäuser errichtet werden, die als „Gnadenkirchen“ berühmt wurden. Schlesien blieb damit das einzige konfessionell gemischte Gebiet unter den habsburgischen Ländern.

Für die Ausstellung gelang es, viele wertvolle Leihgaben nach Görlitz zu holen, darunter das sächsische Exemplar des Westfälischen Friedens von 1648 sowie Rüstungen und Waffen Augusts des Starken und Karls XII. Besondere Objekte sind die beiden noch existierenden „Gnadenstäbe“ aus Teschen und Landeshut, die hier zum ersten Mal zusammen mit einer Replik des verlorenen Militscher Gnadenstabes gezeigt werden. Die Stäbe wurden 1709 als Zeichen der allerhöchsten Gnade von kaiserlichen Gesandten überbracht. In feierlicher Prozession wurde mit ihnen der Baugrund der zukünftigen Kirchen abgesteckt. Später erhielten sie dort einen besonderen Platz.

Die etwa zwei Meter hohen, in den habsburgischen Farben Gelb und Schwarz gestreiften Stäbe, trugen einen schwarzen, metallenen Doppeladler mit dem lateinischen Schriftzug „Gloriosa Caesaris Josephi Libertas“. Eine Ausnahme stellt die Bekrönung des Teschener Gnadenstabes dar, die aus einer wertvollen, in Wien gefertigten Silberschmiedearbeit besteht.

Eine interessante Geschichte ist mit der Nachbildung des Militscher Gnadenstabes aus dem Jahr 1977 verbunden. Sie hat ihren Platz im Eingangsbereich der Kirche „Zum Heiligen Kreuz“ im Hannoveraner Stadtteil Mittelfeld, einem modernen Bau aus den frühen 1960er Jahren.

Mittelfeld entstand nach 1945, um hier Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, vor allem Niederschlesien, und ausgebombte Hannoveraner, unter anderem aus dem Gebiet der zerstörten Kreuzkirche anzusiedeln.

Als 1955 eine selbständige Kirchgemeinde gebildet wurde, wählte man den Namen der Militscher Gnadenkirche „Zum Heiligen Kreuz“, um damit beide Traditionen zu verbinden.

Heute hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung längst geändert und es gibt kaum noch Gemeindeglieder mit einem Bezug zu Schlesien.

Weiterhin aber steht der Gnadenstab im Kirchenvorraum und erinnert an die Anfänge der Gemeinde.

Norbert Faust