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Ein ungewöhnlicher Preis - Eintägiger Aufenthalt von Glogauer Gymnasiasten in Görlitz

Der 5. Dezember 2006 ist ein heiterer Dezembertag. Der Tag vor dem St. Nikolaustag. In der Stimmung, in der brave Kinder und solche, die es verdient haben, auf Geschenke warten, fahren wir von unserer Schule, dem I. Allgemeinbildenden Lyceum in Glogau (Głogów), mit dem Bus nach Görlitz ab. Die „Beschenkten“, das sind 20 Schülerinnen und Schüler, die Direktorin der Schule, Frau Bożena Kowalczykowska, und zwei Deutschlehrerinnen, nämlich Renata Chmielewska und ich. Das tolle Geschenk, der Preis, ist ein eintägiger Aufenthalt der Gruppe in Görlitz.
Um einen solchen Preis zu erhalten, musste freilich zuvor etwas geleistet werden. Alle Schüler dieser Gruppe hatten im Februar 2006 in Glogau an einem Vorlesewettbewerb teilgenommen, den Herr Dr. Klaus Schneider, der Vorsitzende des Vereins der Freunde und Förderer des Schlesischen Museums zu Görlitz, initiiert hatte. Ich möchte erwähnen, dass dies nicht die einzige Idee bzw. Unternehmung war, die Herr Dr. Schneider initiiert hat, die im wörtlichen Sinne das Antlitz unserer Stadt verändert und der besseren Verständigung zwischen Deutschen und Polen dient.
In Görlitz begrüßte uns Herr Dr. Michael Parak auf polnisch, sozusagen unser diesjähriger Nikolaus, der als Mitglied der Jury von den literarischen Darbietungen so begeistert war, dass er spontan alle Teilnehmer des Vorlesewettbewerbs nach Görlitz eingeladen hatte.
Das gab uns die Möglichkeit, uns mit der komplizierten Geschichte Schlesiens vertraut zu machen, auch mit der neuesten Geschichte und mit vielen Exponaten, die mit der Region verbunden sind, in der wir heute leben. Der heute so schön restaurierte alte Schönhof ist ebenso eindruckvoll wie die Beharrlichkeit und das Engagement der vielen Menschen, die von der Idee beseelt waren, an diesem Ort das Schlesische Museum zu schaffen, das auch die Idee der „schlesischen Toleranz“ im vereinten Europa weitertragen würde.
Die chronologische Darstellung der Geschichte Schlesiens war für nicht wenige der Schüler die Ergänzung des Wissens, dass sie in der Schule erworben haben. Das hier angewandte Konzept, über die große Geschichte, die oft wenig interessant und anonym ist, anhand des Schicksals einzelner Menschen zu erzählen, oder genauer gesagt anhand von hier versammelten Gegenständen, erscheint als besonders gelungen. Ich habe unsere Schüler beobachtet, mit welcher Aufmerksamkeit sie die ausgestellten Exponate betrachteten und wie sie den zu den Exponaten gehörenden Geschichten lauschten, die dank der verwendeten modernen Technik für sie individuell auf Knopfdruck noch einmal lebendig wurden und akustisch vernehmbar waren.
Ungewöhnlich und erwähnenswert ist auch die zweisprachige Präsentation der Objekte, also die Beschriftungen und die Tonaufnahmen in deutscher und polnischer Sprache. Viele Schüler waren von dieser Tatsache sehr angetan, konnten sie doch auch sprachlich davon profitieren, in dem sich Zweifel über die Bedeutung von Wörtern, sowie die Unterschiede von Bezeichnungen oder Eigennamen schnell aufklären ließen.
Während der Besichtigung erweckten jedwedes „Glogauer Motiv“ und mit Glogau zusammenhängende Exponate großes Interesse. Doch besonderes Interesse erweckte in einem der Räume eine Ecke, sehr modern für jene Zeiten, der Ort, wohin sich jeder bei Bedarf begeben muss.
Als die Zeit zum Mittagessen gekommen war, hatte ich den Eindruck, dass unser Besuch im Museum den Wunsch nach mehr hinterließ. Görlitz, eine ungewöhnliche Stadt mit Obermarkt und Untermarkt, voller Kunstdenkmäler, schön restaurierter alter Häuser und zahlreicher interessanter Sehenswürdigkeiten machte auf uns einen großen Eindruck.
Nach einem reichlichen Abendessen gingen wir in guter Stimmung zurück zum Museum, wo es eine weitere nette Überraschung gab. Unter den Referenten des Abends zum Thema „Das Kreuz der Glogauer Friedenskirche – Schlesische Toleranz“, war neben Herrn Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz und Herrn Dr. Schneider auch Herr Leszek Lenarczyk, Direktor des Glogauer Museums, ferner war ein Team des Glogauer Fernsehens gekommen. Ein Zeichen dafür, dass zwischen Görlitz und Glogau eine Zusammenarbeit begonnen hat, zumindest auf dem Gebiet der Museumsaustellungen. Vielleicht können wir auch im Glogauer Museum mit solchen modernen technischen Entwicklungen rechnen?
Bei der Begrüßung der Teilnehmer des Vortragsabends wandte sich Herr Dr. Schneider in polnischer Sprache direkt an unsere Gruppe. Als er erwähnte, dass das Kreuz aus der Glogauer Friedenskirche dasselbe ist, unter dem er getauft wurde, spürten wir, dass es nicht irgendein Kreuz ist, nur ein Kunstwerk aus Silber, sondern dass es ein ganz besonderes Exponat des Schlesischen Museums zu Görlitz ist.
Wir erlebten den Tag, den wir in Görlitz verbringen durften, gleichsam als ausgezeichnete und geschätzte Preisträger und waren am Ende sehr zufrieden.

Teresa Zezulak
Übersetzung: Klaus Schneider

 

Buchhinweis:
Gregor Ploch / Christine Kucinski (Hrsg.), Die deutsch-polnische Verständigung am Beispiel der Stadt Glogau. Porozumienie polsko-niemieckie na przykładzie miasta Głogowa (= Via Silesia. Veröffentlichungen zur deutsch-polnischen Verständigung, Bd. 1), Münster: Gemeinschaft für deutsch polnische Verständigung. Jugendinitiative im Heimatwerk schlesischer Katholiken 2007, 200 S., ISBN 3-932970-06-03, 4,00 EUR zu beziehen über: Gemeinschaft für deutsch polnische Verständigung, Ermlandweg 22, 48159 Münster oder über das Schlesische Museum zu Görlitz