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Kein Landesmuseum, aber Museum für ein Land

Das Schlesische Museum zu Görlitz bietet einen zeitgenössischen Blick auf eine scheinbar aus der Zeit gefallene Kultur

Von Timo Fehrensen

Kulturpolitische Korrespondenz, 20.8.06

Mit dem Begriff schmückt sich gern manches Museum. Bürgt er doch scheinbar für umfassende politische, wirtschaftliche und kulturelle Berichterstattung aus einem deutschen Landesteil, die mit Kunstschätzen, historischen Objekten und Alltagsgegenständen viel Schauwerk bieten. Landesmuseen sind unterschiedlich konzipiert. Die einen verlassen sich auf nacherzählte Historie, die anderen gliedern ihre Dauerausstellung auf in Szenenblöcke (was die Übersicht nicht immer leicht macht), wieder andere beschränken sich auf die Kunstgeschichte (was doch eher die Aufgabe von Kunstmuseen sein sollte).

Das Schlesische Museum respektive dessen Gestalter scheinen aus den Vorzügen und Fehlern anderer Institutionen gelernt zu haben. Zwar schmücken sie ihr Haus nicht mit dem Titel Landesmuseum – was vielleicht daran liegt, dass der größte Teil dieses Landes mittlerweile zu Polen und der Tschechischen Republik gehört. Dennoch erfüllt das Museum einen umfassenden Anspruch, wie es wenigen vergleichbaren Häusern in der Republik gelingt. Das Pommersche Landesmuseum etwa, vor über einem Jahr in Greifswald eröffnet, kommt in seiner historischen Darstellung bis jetzt noch nicht über 17. Jahrhundert hinaus.

Die Kuratoren in Görlitz wollten ihre Arbeit vollständig präsentieren, und das gelingt – im restaurierten Patrizierhaus am Untermarkt. Der Schönhof, 1526 eingeweiht, hat im Laufe der Geschichte so viele Umbauten, Erweiterungen und Funktionsveränderungen erfahren, dass das reich verzierte prächtige Haus ganz konkret ein halbes Jahrtausend deutscher Architekturgeschichte verkörpert.

In diesen Rahmen hinein wird nun soviel Schlesien gepackt, dass es selbst den gewieftesten Heimatkundler zu beeindrucken vermag. Von Jakob Böhme bis Gerhart Hauptmann, von Friedrich dem Großen bis Max Herrmann-Neisse, vom Dialekt noch der kleinsten Minderheit bis zum Stonsdorfer: Da bleibt nichts unerwähnt, was sich auch nur entfernt in die schlesische Geschichte einfügen lässt. Die großzügig gestalteten Räume lassen die Symbiose aus zeitgenössischer Ausstellungspraxis und historischem Gemäuer plausibel werden. Und manch Entzückensruf älterer Schlesier hallt durch die Räume, wenn´s wieder mal heimatlich anmutet.

Dabei geben die Ausstellungsmacher auch im Überblick über die Geschichte klare Hinweise. Zu jedem Zeitabschnitt, zu relevanten Szenen wie Stadt und Land, Kirche, Kultur oder Finanzwesen werden übersichtliche Texte als Leitfaden angeboten, zusätzliche Hinweisen finden sich an jedem Objekt. Das klingt selbstverständlich, ist es aber im heutigen Museumswesen durchaus nicht. Zumal dann, wenn sich Ausstellungsmacher zu sehr auf audio-visuelle Berieselung verlassen und den Besucher mitunter vollständig an plappernde Maschinen verweisen. Wohltuend hebt sich die Görlitzer Ausstellung von scheinbar zeitgemäßen Besuchserleichterungen ab. Leider nicht immer vollständig. Einen, der sich in einen Text über die Kämpfe in Oberschlesien nach dem ersten Weltkrieg vertieft, kann es schon stören, wenn sich nebenan begeisterte Großmütter an Mundartproben aus Lautsprechern delektieren. Aber da die Ausstellung genügend Ruheinseln besitzt, ist auch hier für Abhilfe gesorgt.

Besonderer Wert wird naturgemäß auf die Darstellung der Industriegeschichte gelegt. Auch die Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Stellen kommt der Ausstellung zupass, zahlreiche Ausstellungsgegenstände zeugen davon. Der Kunst- und Kulturgeschichte wird viel Platz geschaffen, den großen Mal- und Bildhauerschulen wird ebenso wie der Entwicklung des Kunsthandwerks viel Beachtung geschenkt.

Selbst der notorischste Verfechter politischer Korrektheit sollte an der Darstellung des 20. Jahrhunderts nichts zu bemängeln haben. Die Leiden der polnischen Bevölkerung nach Hitlers Einmarsch werden ebenso ausführlich gezeigt wie die Vertreibung der Deutschen, die Eiszeit im Kalten Krieg wird ebenso betrauert wie die Zusammenarbeit von Deutschen und Polen in Schlesien nach 1990 in sehr optimistischen Texten freudig erwähnt wird.

Wechselausstellungen, die schon seit über zehn Jahren in damals noch provisorischen Räumen am Untermarkt stattfinden, sollen ebenso schlesische Geschichte ans Tageslicht heben, wie die Zusammenarbeit mit polnischen und tschechischen Historikern den Gezeitenwechsel ankündigt. Nachdem es in beiden deutschen Staaten jahrzehntelang zum guten Ton gehört hatte, die Geschichte Ostdeutschlands zu verschweigen, sorgen nicht zuletzt Museumsbauten wie die in Görlitz oder Greifswald für das grenzüberschreitende Europa-Gefühl. Denn der Kontinent braucht auch die Erinnerung an nahezu untergegangene Kulturen – in zeitgemäßem Ambiente, genau recherchiert, gelegentlich auch nostalgisch.