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Über uns in unserem Namen

Deutsches Schlesisches Museum in Görlitz zeigt, wie schwach die Polen die Geschichtspolitik führen können

Von Piotr Semka

Wprost, 25.06.06
Wochenzeitschrift, Nr. 1228

Seit einigen Jahren entsteht das deutsche Schlesien, und die Mehrheit der Polen weiß nichts davon. Es entsteht hauptsächlich in Görlitz, direkt an der polnischen Grenze, auf der anderen Seite der Neiße. Als 1815 Preußen einen beträchtlichen Teil von Sachsen annektierte (als Strafe für seinen Herrscher für die Übernahme des Warschauer Herzogtums), wurden die geraubten Gebiete mit der Stadt Görlitz an die schlesische Provinz des Königsreichs Preußen angeschlossen. Nach 1945 kam der westliche Teil der Stadt zur DDR und die schlesische Episode geriet in Vergessenheit. Als nach 1990 das Bundesland Sachsen entstand, schien es, als würde in Görlitz eine Identifizierung mit Sachsen bzw. mit der Oberlausitz Oberhand gewinnen. Mitglieder der Landsmannschaften bewahrten jedoch das Schlesiertum der Stadt Görlitz. Seit 1990 fanden hier ihre Treffen statt. Damals wollte man für den Sitz des Schlesischen Museums irgendeinen Platz in Niedersachsen wählen. Mitte der 90er Jahre gewann die Idee, das Museum „auf einem Zipfel der schlesischen Erde“ einzurichten.

Rudi Pawelka, einer der Ideengeber für das Museum, bekannt in Polen als der Begründer der Preußischen Treuhand, schlug sogar den Namen „Landesmuseum“ vor, was indirekt darauf hinweisen sollte, dass es neben den heutigen 14 Bundesländern noch ein zusätzliches Land gibt, nämlich ein deutsches Schlesien. Solch ein provokativer Vorschlag wurde abgelehnt, das Land Sachsen und die Bundesregierung, unter der Teilnahme der Stadt Görlitz und der Landsmannschaft Schlesien bewirkten jedoch schließlich die Errichtung des Schlesischen Museums. Die Eröffnung dieser Einrichtung am 13. Mai fand in Polen kaum Widerhall. Jedoch die Darstellung der schlesischen Geschichte, die das Museum verbreitet, darf den Polen nicht gleichgültig sein.

Schlesisches Eckchen

Das Museum befindet sich im Herzen der Altstadt, im Patrizierhaus Schönhof, einem der schönsten Renaissancegebäude nördlich der Alpen. Die gesamte denkmalgeschützte Brüderstraße, die vom Obermarkt zum Museum führt, ist zu einer schlesischen Promenade geworden. Geschäfte mit schlesischen Andenken, Buchhandlungen und Reisebüros, die sich auf Exkursionen in das polnische Schlesien spezialisieren, versetzen den Touristen in eine heimatliche Stimmung. In der Buchhandlung „Schlesische Schatztruhe“ finden wir Alben mit Fotos aus Schlesien, vermischt mit der typisch landsmannschaftlichen revisionistischen Literatur.

Das Schlesische Museum scheint rigoros die Regel seiner Existenz als „Museum einer europäischen Kulturregion“ einzuhalten. Alle Unterschriften unter den Fotos sind sowohl in polnischer als auch in deutscher Sprache verfasst. Dasselbe betrifft Tondokumente und auch den Ausstellungskatalog. Kostenloser Eintritt steht Schulgruppen aus dem deutschen Görlitz und aus dem auf der anderen Seite der Neiße gelegenen polnischen Zgorzelec zu.

Der Direktor des Museums, Markus Bauer, betont, dass das Museum kein Brückenkopf der Revanchisten sein wird. Er kündigt an, dass an Projekten des Museums nicht nur die Mitglieder der schlesischen Landsmannschaft beteiligt werden, sondern auch polnische Institutionen. „Dadurch vermeiden wir solche heftigen Kontroversen, wie bei der Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibung in Berlin“, sagte er bei der Eröffnung des Museums. Bauer bagatellisiert die Tatsache, dass einer der Mitglieder des Stiftungsrates gerade Rudi Pawelka ist. „Man kann nicht zulassen, dass das Projekt wegen einer Person angeprangert wird. Ansichten Pawelkas haben mit dem Museum nichts zu tun“, betont er.

Schlesien süß-sauer

Die Ausstellungsmacher präsentieren auf eine interessante Art und Weise die Erscheinungen der städtischen Kultur in Schlesien wie auch deutsche Denker dieser Region, wie z.B. Angelus Silesius, Jakob Böhme, Martin Opitz oder den Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Sehr reich wird die barocke Religionskultur Schlesiens mit ihren hervorragenden Malern, wie Michael Willmann oder Philip Sauerland dargestellt. Die Autoren des Museums zeigen mit Charme das bunte und mit Ideen gefüllte Breslau des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts, eines der dynamischsten Politik- und Kunstzentren Deutschlands. Fast einen ganzen Raum füllen die Werke der Breslauer Moderne, mit Expressionisten an der Spitze. Aus deutschen Heimatmuseen kamen die prachtvollsten Beispiele für schlesische Fayence- und Glaserzeugnisse.

Diese an einem Ort angesammelten Werke ermöglichen es, die Bedeutung Schlesiens auf der Karte deutscher Kultur gut zu verstehen. Anders die Informationen, welche den historischen Strang bilden. Hier hat der polnische Besucher viel mehr Gründe zum Nachdenken. Den Texten zur Geschichte merkt man die große Anstrengung an, die polnische Sichtweise zu berücksichtigen, dies betrifft jedoch hauptsächlich das heikelste 20. Jahrhundert. Was die Geschichte Schlesiens vom 10. bis zum 15. Jahrhundert (die wichtigste Periode für die polnische Nationalidentität Schlesiens) betrifft, so erwecken die enigmatischen Angaben ein Verlangen nach Polemik.

„Die Kulturlandschaft Schlesien formte sich in einer Epoche, in der es noch keine Nationalstaaten gab. Slawische Stämme hatten sich hier im frühen Mittelalter angesiedelt und die fruchtbaren Böden erschlossen. Das polnische Herrschergeschlecht der Piasten öffnete das Land im 13. Jahrhundert nach Westen. Deutsche Siedler trieben den Landesausbau voran, brachten neue Techniken und eine fortgeschrittene Rechtskultur. In einem langen friedlichen Prozess wuchs Schlesien in den deutschen Kulturkreis hinein.“ Dieses Zitat gibt den Stil der historischen Erzählung über das Mittelalters gut wieder. Deutsche Besiedlung Schlesiens wird als der tatsächliche Ausgangspunkt für die Geschichte dieser Region angenommen. „Jahrhunderte lang war Deutsch als Landessprache vorherrschend, aber es wurde auch polnisch, mährisch, tschechisch und jiddisch gesprochen.“ Was ist mit den schlesisch sprechenden Slawen? Im welchen Ausmaß und wie lange war diese Sprache im Gebrauch? Nach einer Antwort auf diese Fragen sucht man vergeblich. Über die polnische Nationalbewegung in Schlesien erfahren wir nicht viel, und das bis zum Ausbruch der schlesischen Aufstände, während derer, so die Ausstellung, sich beide Seiten der „nationalistischen Propaganda“ bedienten. Dann kommt es zu einer „willkürlichen Grenzziehung in Oberschlesien durch die Alliierten“, was dann zur einer ernsthaften Wirtschaftskrise führt und „durch die Teilung Schlesiens über Jahrhunderte gewachsene wirtschaftliche Bindungen zerschnitten werden.“

Nicht viel können wir über den Einfluss der NSDAP auf die deutsche Minderheit und über die Erscheinung der Fünften Kolonne erfahren. Wir lesen dafür, dass „die polnische Regierung mehrmals die Rechte der deutschen Minderheit missachtete“. Mit Anerkennung muss man jedoch die Informationen über die Entwicklung von Kattowitz in der Zwischenkriegszeit und über die Vertreibung der Polen aus dieser Region nach dem Angriff am 1. September zur Kenntnis nehmen.

Ein separates Thema ist die Frage der Deportation der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg - und hier stößt die polnische Empfindlichkeit, welche die Deportationen als Folge der Auslösung des Krieges durch die Deutschen betrachtet, mit der deutschen Option zusammen, die annimmt, dass es für die Aussiedlungen keine Entschuldigung geben kann. Unruhe muss jene Aussage der Ausstellung hervorrufen, die besagt, dass die deutschen Vertreibungsopfer zu Opfern der nationalistisch geschürten Vergeltung wurden. Vergeltung für Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes verübt worden waren. Und jeder, der zum Opfer des Nationalismus wird, sei unschuldig.

Ohne Sobieski und Johann Kasimir

Entspricht die Ausstellung des Schlesischen Museums der Wahrheit? Schwer zu sagen, weil es nicht leicht ist, die Geschichte ohne nationale Eigenheiten darzustellen. Im polnischen schlesischen Museum hätte man wohl mehr die Periode hervorgehoben, in der Schlesien zum polnischen Staat gehörte, und detailliert die aus dem Geschlecht der schlesischen Piasten stammenden Herrscher dargestellt. Man hätte sicherlich auch den Grad der Erhaltung der polnischen Sprache unter dem schlesischen Volk untersucht. Für die Polen sind diejenigen historischen Episoden wichtig, die aus der deutschen Perspektive nicht viel Bedeutung haben: der Durchmarsch der Armee von Johann III. Sobieski durch Schlesien oder der Aufenthalt Johann II. Kasimirs in Schlesien im Jahre 1655, als die Schweden das Land überfallen hatten. Deutlich mehr Platz wäre den Erweckern des Polentums, wie Karol Miarka oder Józef Lompa gewidmet, auch den Schlesischen Aufständen, der Verteidigung der schlesischen Grenzgebiete im Jahre 1939 oder der darauf folgenden Ermordung von Schlesiern, die unter der Herrschaft des Dritten Reiches dem Polentum treu geblieben waren.

Mit Sicherheit mehr Platz hätten die Jahre der Besiedlung Schlesiens durch die aus Ostpolen stammende Bevölkerung eingenommen. Dies alles wird in Görlitz nur am Rande erwähnt, und es ist nicht verwunderlich, weil die Vorstellungen von der Geschichte und ihre Prioritäten – und das bei jeder Nation – verschieden sind. In solch einer Situation sollte man jedoch sparsamer mit den Suggestionen über die Vision von einer Geschichte umgehen, die sich über die nationalen Stereotype erhebt.

Schlesisches Piemont oder Brückenstadt?

„Die Traditionen Schlesiens sind ein gemeinsames Erbe von Deutschen, Polen und Tschechen. Das Museum sucht nach neuen Wegen zu dieser reichen Kulturlandschaft, gemeinsam mit Partnern diesseits und jenseits der Neiße“, lautet der Text am Eingang zur Ausstellung. Dieser hochtrabende Plan ist in der Realität nur partiell umgesetzt. Die Ausstellung stellt die deutsche Vorstellung von der Geschichte Schlesiens dar, ergänzt um Meinungen, die der polnischen historischen Empfindlichkeit entgegenkommen – notabene gibt es unglaublich wenig Anknüpfungspunkte an die tschechischen Akzente in der Geschichte Schlesiens. Es ist also eher ein deutsches Heimatmuseum als ein Museum für eine europäische Kulturregion. Sollte der letzte Titel einen tieferen Sinn haben, müsste das Museum von gleichberechtigten polnischen und deutschen Partnern errichtet werden. Dabei gibt es unter den acht Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats nur einen polnischen Namen – Prof. Edward Białek, ein Philologe an der Staatlichen Fachhochschule in Waldenburg.

Die Teile der Ausstellung, die den polnischen Standpunkt berücksichtigen, sind eher Gefälligkeit als eine Partnerschaft bei der Erschaffung einer Vision von der Geschichte dieser Region Europas. Und dieser Stand der Dinge ist bei der Verortung des Museums nicht ohne Bedeutung. Die Polen würden auf eine andere Weise die Existenz eines Museums für das deutsche Schlesien in Niedersachsen annehmen, und anders im grenznahen Görlitz. Man muss sich nämlich für etwas entscheiden: Entweder entwirft man die Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec als Kulturhauptstadt Europas oder bildet daraus ein symbolisches Stück des deutschen Schlesien. Bei der ersten Annahme müsste das Museum ein Ort sein, an dem gleichberechtigt die polnische und deutsche Vorstellung von der Geschichte Schlesiens dargestellt wird.  Zwar setzt dies eine Verständigung beider Staaten und auch gleiche Kostenverteilung voraus, wenn diese Vision jedoch nicht real ist, so sollte man darüber nachdenken, ob die Errichtung des Museums in einer Grenzstadt womöglich Befürchtungen auf der polnischen Seite der Neiße hervorrufen wird.

Stellen wir uns vor, wie die Ukrainer reagieren würden, wenn im grenznahen Przemyśl ein Museum des Lemberger Landes entstehen würde. Ein Museum, in dem wir verkünden würden, dass im 14. Jahrhundert keine nationalen Staaten existierten und die zivilisatorische Polonisierung von Rothreußen/Galizien [polnisch: Czerwona Ruś] preisen würden. Ein schlesisches Museum in Görlitz an sich muss kein Konfliktherd sein, sollte jemand jedoch versuchen, aus dieser Stadt das schlesische Piemont zu machen, sprich den Brückenkopf für die Wiederbelebung schlesischer Traditionen, so wird auch das Museum zunehmend verstärkt negative Assoziationen bei den Polen hervorrufen. Zumal, da sich die deutsch-polnischen Beziehungen an der Kontaktstelle Görlitz-Zgorzelec gefährlich entzweien. Der offizielle Geist der europäischen Zusammenarbeit steht in Widerspruch zu der Realität des Alltags. Vor über einem halben Jahr reagierten die Einwohner von Zgorzelec sehr negativ auf eine Demonstration, während der Sympathisanten der NPD und DVU u. a. mit weiß-gelben Fahnen bei der Grenzbrücke an der Neiße demonstrierten.

Was würde passieren, wenn uns die Deutschen die Errichtung eines gemeinsamen Schlesischen Museums bei gleicher Kostenverteilung vorgeschlagen hätten? Das Budget des Museums beträgt beispielsweise jährlich 900 000 Euro. Wären die Polen imstande gewesen, solch eine Investition zu tragen? Wenn die Deutschen eigene Museen bauen, sind wir oft mit ihrer Einschätzung der Geschichte nicht einverstanden, aber tun wir etwas, um eigene schlesische Identität zu entwickeln? Warum gibt es in Breslau kein schlesisches Museum? Es lohnt, diejenigen darauf hinzuweisen, die in Polen Kritik an der Geschichtspolitik üben.