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Grußwort von Prof. Dr. Hermann Schäfer, Abteilungsleiter für Kultur und Medien beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Zur heutigen Eröffnung des Schlesischen Museums zu Görlitz darf ich Ihnen zunächst die Grüße und Glückwünsche der Bundesregierung übermitteln. Ganz besonders grüße ich Sie von Herrn Staatsminister Bernd Neumann, der leider aufgrund unvorhergesehener anderweitiger terminlicher Verpflichtungen heute nicht hier sein kann. Er bedauert dies sehr und wünscht allen, die zum Gelingen dieses gemeinsamen Projekts beigetragen haben, einen wirklichen Festtag.

Es ist ein Festtag, der einen Markstein nach Jahrzehnten der Vorbereitung und des Planens setzt. Als mit den ersten konzeptionellen Überlegungen für ein Schlesisches Museum begonnen wurde, sollte das ursprünglich in Niedersachsen entstehen – dem Patenland der Landsmannschaft Schlesien. Sie alle kennen den schönen Film »Grün ist die Heide«. Nicht von ungefähr trifft dort ein Gutsbesitzer aus Schlesien auf einem Volksfest in Niedersachsen auf seine früheren Bauern. Das haben die Menschen Millionenfach in den 50er Jahren gesehen und ihnen war noch klar, warum diese Szene in diesen Film so hineingeschnitten worden ist. Uns ist dieser Film sozusagen ein historisches Exponat.

Ohne die Wiedervereinigung Deutschlands nach den Jahrzehnten des Kalten Krieges wäre der Standort Görlitz nicht möglich gewesen – und so spiegelt sich in der Vorgeschichte dieses Museums ein gutes Stück deutscher und europäischer Zeitgeschichte.

Ein lange gereiftes Projekt ist nun endlich Wirklichkeit geworden. Das verdanken wir dem unermüdlichen Einsatz vieler Kräfte, die sich für dieses Museum zusammengefunden haben. Allen Beteiligten möchte ich an dieser Stelle im Namen von Herrn Staatsminister Bernd Neumann herzlichen Dank aussprechen. Und ganz persönlich erlauben Sie mir, dass ich meinem Vorgänger herzlich gratuliere, Herrn Dr. Nevermann, der jetzt bei Ihnen, Herr Ministerpräsident Milbradt, Staatssekretär ist.

Bund, Länder und Kommunen sind verpflichtet, die Aufarbeitung, Bewahrung und Präsentation von Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa zu fördern. Dies ist für uns nicht nur ein gesetzlicher Auftrag, dies ist für uns alle, die mit dem Thema beschäftigt sind, ein ganz persönliches Anliegen. Es ist selbstverständlich, dass dabei auch und gerade die geschichtlichen und kulturellen Wechselbeziehungen mit den anderen Völkern in diesem Teil Europas einbezogen werden müssen.

Wir wollen das Kulturgut der früher von Deutschen bewohnten oder mitbewohnten Regionen im Bewusstsein der Deutschen erhalten, und zwar im Bewusstsein unserer Nachbarn als Teil des nationalen und des gemeinsamen übernationalen Kulturerbes. Nationales Erbe ist mehr als nur das deutsche und mehr als das polnische Erbe, dies ist ein sehr viel weiteres Patrimonium. Wir wollen diesen europäischen Geist weiterentwickeln und bewahren. Die vom Bund in Zusammenwirkung mit den Ländern geförderten Museen in diesem Bereich haben dabei eine herausragende Funktion.

Dem Westpreußischen Landesmuseum in Münster, dem Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, das demnächst um eine deutschbaltische Abteilung erweitert wird, dem Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm, dem Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim und dem im Jahr 2005 eröffneten Pommerschen Landesmuseum in Greifswald wird am heutigen Tag das »Schlesische Museum zu Görlitz« an die Seite gestellt; damit erhält auch das historische Schlesien »sein« Museum.

Die Bundesregierung rundet so das museale Ensemble für die Bewahrung und Präsentation der historischen deutschen Kulturlandschaften im östlichen Europa ab. Und wie so schön in der Presse bereits geschrieben wurde: »Es ist ein Museum in einem Museum …«, dem Schönhof, und dieses wiederum »in einem Museum«, in Görlitz. Das erinnert mich an das schöne Wort, dass es Museen gibt, in die wir nicht hineinzugehen brauchen und aus denen wir auch nicht herausgehen können. Herr Oberbürgermeister, Sie haben mit Ihrer Stadt ein solches schönes Museum.

Wenn Archive das Gewissen unserer kollektiven Erinnerung sind, so sind Museen und Ausstellungen so etwas wie die Schaufenster unserer kollektiven Erinnerung. Und aus diesen Schaufenstern speist sich unsere Emotion und unsere positive Erinnerung an dieses Patrimonium.

Ein Museum ist heute ein lebendiger Ort der kulturellen Beschäftigung und der fachlichen Auseinandersetzung, des Lernens, Anregens und Nachdenkens, ein Ort, der im Blick auf die Vergangenheit Zukunftsperspektiven eröffnen kann und soll. Auch dieses Museum wird sich an einen breiten Interessentenkreis diesseits und jenseits der Grenze wenden. Ich glaube, die lebendige und aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit vor allem im Sinne einer kulturellen Breitenarbeit, die nicht zuletzt von dem auch an diesem Museum tätigen Kulturreferenten gewährleistet wird, ist besonders wichtig. Auf diese Art und Weise soll vor allem eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Arbeit und breiter Vermittlung geleistet werden.

Schlesien entzieht sich einer griffigen Beschreibung, es ist nicht einfach auf einen Nenner zu bringen und es gibt viele unterschiedliche Metaphern und Bilder. Deswegen sind, insbesondere wenn wir auf unsere wechselvolle Geschichte zurückblicken, durchaus kontroverse Interpretationen möglich und in diesem Museum wird ihnen auch nicht ausgewichen.

Darüber hinaus ist Görlitz an der Grenze ein Ort der europäischen Begegnung geworden und schon lange ein Ort des internationalen Austausches. Zeugnis davon geben die vielen Veranstaltungen, die hier schon stattgefunden haben und noch stattfinden werden. Das Schlesische Museum will integrieren, indem es die Vergangenheit und die Erinnerung der ehemaligen deutschen Bewohner Schlesiens und ihrer Nachfahren aufgreift und weiterentwickelt und zugleich für die heutigen polnischen Bewohner des Landes Anschauung und Anregungen bietet.

Die konsequente Zweisprachigkeit der gesamten Präsentation des Museums ist dafür ganz wichtig. Polen und Deutsche können heute in einem offenen Dialog die geistigen und materiellen Zeugnisse schlesischer Kultur als gemeinsames Kulturerbe annehmen und erhalten. Die Zeiten gegenseitiger Schuldzuweisungen oder gar Aufrechnungen oder Rückforderungen sollten ein für allemal der Vergangenheit angehören.

Ich sage es aus meiner früheren Funktion heraus am Haus der Geschichte - wir haben dort vor zwei Jahren erst eine Erhebung gemacht und als Ergebnisse dieser Erhebung immerhin erfahren, dass in Tschechien 30% der Menschen Angst davor haben, dass Deutsche Restitutionsansprüche stellen könnten. Aber in Polen war diese Zahl doppelt so hoch: 60% befürchten regelrecht solche Ansprüche und deswegen betone ich gerne, dass Aufrechnungen und Rückforderungen ein für allemal der Vergangenheit angehören sollten.

Wer heute nach Breslau fährt, erlebt dort eine international ausgerichtete Kulturstadt mit einem breiten Spektrum an Hochschulen, Museen, Archiven, Galerien, Kinos und Theatern. Trotz des nahezu vollständigen Bevölkerungsaustauschs nach 1945 beziehen die heutigen Bürger der Stadt ihr Selbstverständnis und ihr Selbstbewusstsein gerade auch aus den reichen schlesischen Kulturtraditionen, in deren Kontinuität sie sich sehen. Das vor einigen Jahren gefeierte dreihundertste Jubiläum der Gründung der Universität Breslau hat dieses schlesische Bewusstsein eindrucksvoll vor Augen geführt.

Ein bemerkenswertes Zeichen für dieses Bewusstsein ist auch das Engagement der Breslauer Bevölkerung bei dem kürzlichen Erwerb einer Sammlung Breslauer Goldschmiedekunst, bei der die Breslauer Bevölkerung fast die Hälfte des gesamten Anteils gesammelt hat.

Die heute hier parallel zur Dauerausstellung eröffnete Sonderausstellung über Museen im polnischen Schlesien zeigt, dass von den Mitarbeitern des Museums diese Chance bereits erkannt und genutzt wurde. Weitere Kooperationen mögen folgen und dazu beitragen, Schlesien auch künftig im kulturellen Gedächtnis von Deutschen, Polen, Tschechen und ihrer europäischen Nachbarn fest zu verankern.

Die grenzübergreifende, zukunftsorientierte Kulturarbeit im Geist der Versöhnung und Verständigung, die hier nur in wenigen Beispielen angedeutet werden konnte, ist ein besonderes Anliegen gerade auch der Kulturförderung der Bundesregierung. Das Schlesische Museum zu Görlitz übernimmt eine wichtige Funktion im Rahmen der deutsch-polnischen kulturellen Zusammenarbeit und ich wünsche im Namen des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der gesamten Bundesregierung Erfolg und gutes Gelingen für diese Arbeit!