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Grußwort von Dr. Herbert Hupka, Ehrenvorsitzender der Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien

Mit dem Ausdruck der Freude will ich das Grußwort beginnen. 24 Jahre, fast ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis Wirklichkeit wurde, was 1982 planend und engagiert drängend begonnen worden ist. Zu den treibenden Kräften, zugleich auch als fachkundige Museologin gehörte Frau Dr. Idis Hartmann, darum sei ihr Name mit herzlich geschuldetem Dank gleich zu Beginn genannt. Auch des Abgeordneten des Niedersächsischen Landtages, Diplomingenieur Walter Lellek, als eines Promotors des Landesmuseums Schlesien, inzwischen leider verstorben, sei dankend gedacht.

In einem historischen Rückblick schrieb vor vielen Jahren Dr. Idis Hartmann: »1982 regte die Bundesregierung unter Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer ›Grundsatzkonzeption zur Weiterführung ostdeutscher Kulturarbeit‹ die Errichtung und den Ausbau von LANDESMUSEEN der großen ostdeutschen Regionen an. Sie stützte sich dabei auf den gesetzlichen Auftrag gemäß § 96 des Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes. Die entsprechenden Bundesländer in der Bundesrepublik Deutschland waren dazu aufgefordert, diese Verpflichtungen wahrzunehmen«. Hier will ich das Zitat abbrechen. Es bildete sich eine Arbeitsgruppe aus Niedersachsen, dem Patenland für Schlesien, vertreten durch den Minister für Wissenschaft und Kunst, Repräsentanten der Landsmannschaft Schlesien und fachkundigen Beratern. Unter der Überschrift »Landesmuseum kommt nach Hildesheim« berichtete im März 1984 die regionale Presse: »Die Stadt Hildesheim ist als Standort für ein Landesmuseum Schlesien in Aussicht genommen worden. Minister Haselmann bezog sich dabei auf ein Gespräch, das Ministerpräsident Dr. Albrecht zusammen mit dem Vorstand der Landsmannschaft Schlesien und dessen Vorsitzenden Dr. Hupka in Bonn geführt hat«. 1988 wird der Trägerverein »Landesmuseum Schlesien« gegründet, ein Jahr später in Hildesheim die »Sülte« als Standort ausgemacht und ein erster Bauplan erarbeitet. Ein Zuschuss von 350.000 DM wird zum Beginn in Aussicht gestellt. Aber die CDU und FDP geführte Landesregierung wird 1990 durch eine neue Regierung, gebildet aus SPD und der Partei Die Grünen, abgelöst. Das hat zur Folge, dass jede finanzielle Unterstützung aufgekündigt wird.

Inzwischen ist der Eiserne Vorhang gefallen. Zwar wird es jetzt in Mitteldeutschland die Bindestrich-Länder Sachsen-Anhalt (wie ehedem) und Mecklenburg-Vorpommern (dies neuesten historischen Datums) geben, aber zu einem Bindestrichland Sachsen-Niederschlesien kommt es nicht. In der Verfassung des Freistaates Sachsen ist indes Niederschlesien zweimal ausdrücklich genannt, denn Görlitz und die Oberlausitz, das heißt Schlesien. Niedersachsen mit Hildesheim war wie gerade erwähnt ausgegrenzt, in Görlitz fand man im Schönhof den neuen, nunmehr verbindlichen, zudem schlesischen Standort für das Landesmuseum Schlesien. Eine Presseinformation des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst verlautete: »Am 1.April 1992 findet in Görlitz eine Mitgliederversammlung des Vereins Landesmuseum Schlesien e.V. statt, um das ursprünglich für Hildesheim geplante Museum in Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze zu verwirklichen. Die Bemühungen des Vereins treffen sich mit Initiativen der Bürger und der Stadt selbst. Wie bekannt, hat die Stadtverordnetenversammlung von Görlitz den historischen ›Schönhof‹ als Standort für ein Museum für Schlesische Kunst und Kultur vorgesehen«.

1996 ist der Vertrag zwischen den vier Trägern des Landesmuseums Schlesien unterschriftsreif. Es sind dies die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Sachsen, die Stadt Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien – Nieder- und Oberschlesien. Die drei Erstgenannten sind nicht nur ideell, dafür in besonderer Weise als Repräsentantin der Schlesier und für Schlesien auf das Engste verbunden. Die Landsmannschaft Schlesien versteht sich, was sie bereits vor Jahrzehnten ausdrücklich bekundet hat, nicht nur als Landsmannschaft der Schlesier, sondern in einem Atemzug auch als Landsmannschaft für Schlesien.

Obwohl in dieser knapp berichteten Vorgeschichte immer wieder von einem Landesmuseum Schlesien die Rede ist, heißt der offizielle Titel »Schlesisches Museum zu Görlitz«. Zur Vorgeschichte des heutigen Tages gehört auch, und warum sollte es verschwiegen werden, dass es einen polnischen Protest gegen den Namen Landesmuseum Schlesien gegeben hat, denn dieser erwecke weitergreifende Ansprüche, könnte wegen der Absolutheit des Namens missverständlich interpretiert werden, das Museum in Görlitz dürfe nur vergleichbar sein mit schlesischen Museen heute in der Republik Polen und nicht mit einer anderen, höheren Identität ausgestattet werden als schlesische Museen in Jauer, Breslau oder Kattowitz. Dem jetzt gesetzten Namen »Schlesisches Museum zu Görlitz« wurde mehrheitlich, jedoch nicht einstimmig von den Gründern entsprochen, der Verein der Freunde und Förderer nennt in seinem Namen beide Bezeichnungen. Aber der Name des Museums soll kein Streitpunkt sein.

Um über Schlesien gewissenhaft zu berichten, sei aus einem Werk, 1902 in Leipzig erschienen, Titel »Erd- und Völkerkunde, Beschreibung sämtlicher Länder und Völker der Erde« über Schlesien zitiert: »Provinz Schlesien, 40.312 qkm, 4.414.309 Einwohner, davon 44,72 Prozent evangelisch, 54,01 Prozent katholisch, 0,4 Prozent sonstige Christen, 1,08 Prozent Juden. Im Südwesten von den Sudeten begrenzt, auch im Südosten bergig, im übrigen Tiefebene, durchzogen von der Oder und deren Nebenflüssen. Ackerbau, Viehzucht, Berg- und Hüttenbau, stärkste Zinkproduktion vielleicht der ganzen Erde; Eisen-, Blei- Steinkohlegewinnung, Glasproduktion, Webstoffe, Papier. Die Provinz zerfällt in drei Regierungsbezirke«. Dann werden Breslau mit Mittelschlesien, Liegnitz mit Niederschlesien und Oppeln mit Oberschlesien auf jeweils bis zu 20 Zeilen vorgestellt. Die selbstständige Provinz Oberschlesien, nach dem Ersten Weltkrieg so gegründet, umfasste vor der Genfer Konferenz vom 20. Oktober 1921 auch das spätere polnisch gewordene Ostoberschlesien.

Nach der 100 Jahre zurückliegenden Vergangenheit eine Notiz über Schlesien heute und dies im allgemeinen Bewusstsein und einem intellektuellen Kommentar. Zuerst ein persönliches Erlebnis, gerade fünf Wochen alt. Ein Taxifahrer in Bonn, 30 Jahre alt, hat eine Fahrt in das »Haus Schlesien«, 14 km von Bonn entfernt, übernommen. Der Fahrgast, ein Schlesier, fragt sehr zurückhaltend, was der Taxifahrer mit Schlesien verbinde. Nach langem Zögern die Antwort: »Ich glaube, das ist polnisch«. »Kennen Sie vielleicht die größte Stadt dieses Schlesiens?«. Fehlanzeige. »Vielleicht haben Sie von der Landschaft Schlesiens einmal etwas gehört?« Wiederum Fehlanzeige, mit der Folge, dass der Fahrgast sich erlaubt, Breslau und das Riesengebirge zu nennen. Ob soviel Pädagogik hilft?

Das andere Beispiel, ein wissenschaftlich fundierter Katalog zum Werk des 1925 in Breslau geborenen Malers Bernhard Heisig, ein großer Maler, der in der DDR als frühes SED-Mitglied eine große Karriere gemacht hat, schreibt: »Schlesien gibt es nicht mehr. Schlesien heißt nicht mehr Schlesien. Schlesien hat aufgehört zu existieren«.

Ohne das gerade Aufgeführte zu dramatisieren und auch gleich zu verallgemeinern, Schlesien ist hierzulande ein fernes, unbekanntes, fremdes Land geworden. Darum ist die Gründung und heutige festliche Eröffnung des Schlesischen Museums zu Görlitz ein dringendes Gebot, aus vielerlei Gründen eine Notwendigkeit. Gewiss, es gibt bereits das »Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen«, unweit Düsseldorf, und das »Museum für schlesische Landeskunde« im »Haus Schlesien« in Heisterbacherrott, aber das Museum, das ganz Schlesien repräsentieren soll und auch demonstrieren wird, steht jetzt in Görlitz an der Neiße, gleich der Oder zum Schicksalsfluss für uns Deutsche geworden. In diesem unserem Landesmuseum Schlesien ist nicht etwa die Vergangenheit eingesargt, hier ist ganz Schlesien, in seiner Geschichte auch das einst österreichische Schlesien, Gegenwart. Zur Vergegenwärtigung Schlesiens gestern und heute gehören 700 Jahre deutsche Geschichte, sechs Jahrzehnte polnische Gegenwart. Sicherlich, um das schon abgenutzte Wort von der Bewältigung der Vergangenheit zu gebrauchen, hier soll Vergangenheit dargestellt, nacherzählt, dokumentiert werden, Geschichte in all ihren Facetten, Erfolgen und Niederlagen, Schlesien in der Mitte Europas, Schlesien in seiner Größe und Schönheit.

Das Museum soll nicht nur über Schlesien berichten, begründen helfen, warum Schlesier stolz sind auf ihre Heimat Schlesien und diese auch den Nachkommen vermitteln und tradieren wollen, sondern es soll möglichst viele über Schlesien informieren und unterrichten. Das Museum Schlesien zu Görlitz soll neugierig auf Schlesien machen. Die Konsequenz darf und sollte sein »Bis bald in Schlesien«, wie es das Motto des polnischen Pavillons auf der Berliner Internationalen Tourismusbörse 2005 verkündet hat.

Das wiederholt zitierte Wort aus der Präambel der Verfassung der Weimarer Republik, heute fast schon romantisch klingend, »Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen« meint selbstverständlich unter dem Sammelbegriff der Stämme auch den Stamm der Schlesier. Und dieser Stamm der Schlesier hat dieses Schlesien geschaffen. Darum sind die Exponate in ihrem Kollektiv so etwas wie eine Leistungsschau der Schlesier. Wer von der Größe und Schönheit Schlesiens spricht, muss auch die herausragenden geistigen Schöpfer, Künstler und Wissenschaftler beim Namen nennen. Einzelne Namen zu nennen, die 13 Nobelpreisträger eingeschlossen, will ich mir ersparen, dies auch schon deswegen, um nicht in eigener Überheblichkeit andere Stämme des deutschen Volkes neidisch zu machen und zu verärgern.

Es wäre jetzt angebracht, eingehend all die Stimmen zu zitieren, die sich rühmend und gleichzeitig erstaunt über Schlesien und die Schlesier geäußert haben. Zwei Stimmen seien zitiert. Johann Wolfgang von Goethe sagte aus Anlass seines Besuches 1790 in Schlesien und hier auch im oberschlesischen Tarnowitz, wo er die erste Dampfmaschine auf deutschem Boden bewunderte, Schlesien sei »ein zehnfach interessantes Land«. Und Hans Pölzig, in Berlin geboren, Architekt und Baumeister zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bekennt: »Schlesien ist ein Land, hat jedenfalls den Typus eines Landes, nicht einer Provinz. Der Weg von Berlin nach Schlesien ist weit länger, als die Bahnstunden es ausdrücken. Man fährt nach Breslau oder Schlesien innerhalb Deutschlands nicht hindurch, sondern man fährt hin«. Diese Individualität Schlesiens, die mit diesen Sätzen zum Ausdruck kommt, ist das Großartige, vielleicht darf man sogar sagen, das Irrationale. Schlesien ist eben nicht nur eine Landschaft, eine Region, in der man lebt, sondern diese Landschaft, diese Region prägte, prägt die Menschen, die in Schlesien gelebt haben und leben.

Von Dichtern und Schriftstellern ist oft der Versuch unternommen worden, den Stamm der Schlesier zu charakterisieren. Ein Versuch, den Hermann Stehr, geboren in Habelschwerdt in der Grafschaft Glatz, eine Region, die etwas Besonderes unter den Landschaften Schlesiens darstellt, gemacht hat, sei kurz zitiert, und dies schon deswegen, weil die Aussage so vielschichtig und unterschiedlich interpretierbar ist: »Der Schlesier legt sich schlafen wie ein Vlame, springt wie ein draufgängerischer Franke in den Tag, arbeitet wie ein Pole und verliert sich von einem sentimentalen Böhmen oder Wenden an der Linken, von einem verträumten Thüringer an der Rechten geführt, durch den Abend in die Nacht. Der Charakter des Schlesiers ist wie eine Volksversammlung, die erregt debattiert, aber keine Resolution fasst … Die Eigenart des schlesischen Stammes: seine Veränderungsfähigkeit und Aufgeschlossenheit, seine zähe, fast kindliche Liebe zur Scholle und sein künstlerisches Talent. In Wirklichkeit ist der Holteische Refrain ›Suste nischt ack heem‹ der letzte Rettungsanker des schlesischen Menschen aus dem Volke in der Fremde«.

Umso bitterer, um dies hier einzufügen, das Wort des Dichters Max Herrmann-Neisse im Londoner Exil: »Im Fremden ungewollt zu Haus«, ein Wort, das auch für die Vertriebenen nach 1945 seine bedrückende Gültigkeit behauptet hat.

Man wird, um den Stamm der Schlesier zu charakterisieren, Politik und Konfession einbeziehen müssen und deshalb auch die Nieder- und die Oberschlesier jeweils anders nachzeichnen dürfen: Niederschlesien protestantisch bestimmt, eher auf Berlin ausgerichtet, Oberschlesien dank seiner Katholizität noch dem Erbe aus der Zeit der Habsburger verbunden, und Wien gehört vorrangig zum Weltbild. An dieser Stelle gleich die Bemerkung, dass zu Schlesien und zur Darstellung des Stammes der Schlesier auch der Anteil der Juden gehört. Es darf ihr Schicksal, als Erste durch den Nationalsozialismus in die Emigration vertrieben worden zu sein, nicht vergessen werden, muss thematisiert werden.

»Schlesien lebt« ist der Titel eines gerade erschienenen Buches. Es lebt als Landschaft geographisch und zugleich als unauslöschliche Geschichte der Vergangenheit. Das soeben zitierte Buch schließt mit dem Kapitel »Schlesien kennt kein Amen«. Das Leben pulsierte in Schlesien, all die 700 Jahre, wovon das Landesmuseum Schlesien, das »Schlesische Museum zu Görlitz«, beredt Zeugnis gibt. Aber Schlesien lebt auch heute, es ist kein totes Land, nicht abgehakt und zum Vergessen frei gegeben. Mit diesem Museum meldet sich Schlesien unübersehbar, unüberhörbar zu Wort. Das ist der Grund, froh und dankbar zu sein. Görlitz, ein deutliches Ausrufungszeichen für Schlesien, wir sind nach Schlesien eingeladen.