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Grußwort Prof. Dr. Gottfried Kiesow, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

(…) Görlitz, die schönste Stadt Deutschlands, hat heute eine neue kulturelle Attraktivität bekommen und das in einem Gebäude, das zu den Inkunabeln der Renaissance in Deutschland gehört. Hier in Görlitz geht ja nicht nur die Sonne in Deutschland als Erstes auf, sondern hier in Görlitz begann mit dem Bau der Renaissancebauten eine neue Geschichtsepoche und eine neue Kulturepoche, die Epoche des Humanismus der deutschen Renaissance. Der Schönhof, der als erstes Werk nach dem Stadtbrand im Jahre 1525 entstand, ist der erste echte große Renaissancebau in Deutschland. (…) Insofern ist das Gebäude dann auch besonders geeignet zu einem Museum.

In meiner nahezu 50jährigen Praxis als Denkmalpfleger hat man mir natürlich bei jedem Gebäude, das eine Nutzung sucht, gleich von vornherein gesagt: Machen wir doch ein Museum daraus! Das kann man natürlich nicht. Denn man muss feststellen: Museen bringen kein Geld, sondern kosten Geld im Kulturbereich. Außerdem wollen wir Görlitz nicht in ein Museum verwandeln. So schön Museen sind - aber die Stadt muss leben, muss wirtschaftlich existieren können und muss auch Arbeitsplätze bieten. Da kann man nicht aus jedem Gebäude, so gern wir es täten, ein Museum machen. (…) Außerdem muss ich sagen, dass ich nicht immer gute Erfahrungen machen musste mit der Umwandlung eines Baudenkmals in ein Museum. (…)

Aber hier in Görlitz ist das eine große Ausnahme. Da gibt es das Ameissche Palais, welches ein wunderschönes Museum ist - nicht nur das damit das Baudenkmal eine Nutzung hat - sondern allein durch die wissenschaftliche Bibliothek mit ihren alten Regalen und wie auch dort Görlitzer Kultur mit ihren Möbeln, ihren Bildern, ihrem Silber und Porzellan in den historischen Räumen ganz anders erscheint als in einem nüchternen Neubau, wo die Exponate immer so wirken wie ein Schmetterling, den man auf eine Nadel aufspießt und in einem Glaskasten stehen hat. Das ist in Görlitz nicht das Einzige, sondern es gibt auch im Nikolaiturm ein Museum, es gibt im Kaisertrutz ein Museum. Und ich möchte auch Zittau erwähnen, wo es ein wunderschönes Museum in einem alten Franziskanerkloster gibt. Das hat den Vorteil, dass Architektur und Exponate sich einander bewirken. Und das ist nun auch ganz großartig hier gelungen im Schönhof.

Ich kenne ja die Schwierigkeiten auch: Da gibt es die Fluchtwege zum Beispiel oder die Versammlungsstättenverordnung, da gibt es natürlich die Brandpolizei (…). Da gibt es auch die Notwendigkeit heute, da wir alle älter werden, etwas für die Behinderten zu tun. Das alles in ein Denkmal erster Kategorie einzubauen, ist sicher nicht leicht. Hier ist das sehr gut gelungen. (…) Die Vitrinen sind auch sehr rücksichtsvoll meist in der Raummitte aufgestellt, sodass die herrlichen Räume mit ihren großartigen Decken ganz stark zur Wirkung kommen. Gerade diese Decken und die Reste der Wandmalereien und Skulpturen an den Säulen sind sehr liebevoll und vorbildlich restauriert (…), was einen gar nicht wundert, denn es haben ja hier die Restauratoren des einzigen deutschen Ausbildungsganges akademischer Restauratoren aus Dresden gearbeitet mit Herrn Prof. Schießl aus Dresden als Chef, vorher Prof. Möller. Da ist also nichts übermalt, nichts falsch retuschiert, da sind sehr sorgfältig die Fehlstellen ausretuschiert, so dass die Malereien ganz großartig wirken und ein weiteres Beispiel für die Kultur in Görlitz entstanden ist. (…)

Die Lage an der Grenze zu Polen ist ja das Schicksal von Görlitz schon im Mittelalter gewesen: an der Grenze zweier Kulturen, der slawischen und der deutschen. Und diese Rolle hat Görlitz jetzt wieder bekommen. Das wirkt zunächst zwar nachteilig, wenn der Nachbar noch wirtschaftlich schwach ist. (…) Aber jetzt, wo Polen hoffentlich Zug um Zug in die Europäische Union mit der Währung des Euro hineinwachen wird, da ergibt sich die Chance, dass dies wieder zu einem Vorteil wird. (…) Dieses Zusammenwachsen ist die Zukunft und das macht mich sehr glücklich, dass die klugen kommunalen Verantwortlichen auf beiden Seiten, in Zgorzelec und in Görlitz, dieses Zusammenwachsen so stark fördern.

Wir haben als Deutsche Stiftung Denkmalschutz bewusst unsere gesamten kulturellen Institutionen hierher verlegt. (…). Nach der Wiedervereinigung haben wir gesagt, dass nun ein Handwerkszentrum nach Görlitz gehört, nämlich um die Hand auszustrecken zur polnischen Seite. Ich war immer ein Bewunderer der polnischen Denkmalpflege, seit ich 1973 zum ersten Mal in Polen war. Sie war und ist auch heute noch in Europa führend. (…) Aus dieser Bewunderung für die polnische Denkmalpflege ist dann eine Freundschaft zu dem früheren Generalkonservator und ICOMOS-Chef, Andrzej Tomaszewski, geworden und wir beide haben dann beschlossen, eine deutsch-polnische Stiftung zu gründen. Nun hätten wir die gern heute hier eröffnet, er als Vorsitzender und ich als sein Stellvertreter, doch da gibt es ein großes Hindernis: und das ist die Frage der Steuerabschreibung. Es ist nämlich möglich, Steuern zu sparen, indem man für humanitäre und kirchliche Zwecke außerhalb der Grenzen der Bundesrepublik spendet, aber nicht für Kultur. Das ist ein Armutszeugnis für die Europäische Union. Denn ich glaube, dass Europa, was sicher immer ein Europa der Vaterländer mit nationalen Identitäten bleiben wird, nur zusammenwachsen kann, wenn es kulturell zusammenwächst. (…)

Insgesamt sind es vier kulturelle Institutionen - und wenn die deutsch-polnische Stiftung endlich zustande kommt, sind es fünf - die wir hier in Görlitz angesiedelt haben, denn die Stadt braucht das. Sie ist eine europäische Kulturhauptstadt und muss nicht die Anerkennung von Brüssel haben.