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Festrede von Prof. Dr. Andrzej Tomaszewski, Warschau

Historisches Schlesien – ein gemeinsames europäisches Kulturerbe

»Śląsk – Schlesien – Sležsko – Silesia. Mythos, reiche Kulturregion mit wechselvoller Geschichte im Kontext polnischer, böhmischer, habsburgisch-österreichischer und preußisch-deutscher Staatlichkeit, verlorene Heimat für die Deutschen, neues Zuhause für Polen, Aneignung fremder Kultur und Geschichte, gemeinsames Kulturerbe (...) Die jüngste Geschichte, die Zeit nach der politischen Wende, lässt die positiven Entwicklungen und Perspektiven zu einer offenen mitteleuropäischen Region überwiegen: nach jahrzehntelangen einseitigen Vereinnahmungen wird Schlesien seit 15 Jahren wieder zu einem Land, in dem das Miteinander, die Vermittlung und der Austausch zwischen den Völkern und Nationen Mitteleuropas, nicht nur Polens und Deutschlands, auch Tschechiens, Österreichs und anderer selbstverständlich ist. Es bekommt damit seine historische Stellung als Brückenland und Schmelztiegel der verschiedenen ethnisch-kulturellen Elemente und Einflüsse wieder zurück – Eigenschaften und Phänomene, die es in der Vergangenheit so mannigfaltig und reich gemacht haben«.

Mit diesen Worten, die ich zusammen mit meinen deutschen Professoren-Kollegen unterzeichnet habe, beginnt das Vorwort zum kürzlich herausgegebenen deutsch-polnischen »Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen: Schlesien / Zabytki sztuki w Polsce: Śląsk«. Diese Publikation ist das Ergebnis einer so noch nicht da gewesenen Zusammenarbeit polnischer und deutscher Kunsthistoriker, mit der eine neue, ganz Polen umfassende Reihe – die Dehio-Handbücher – beginnt. Damit vollzieht sich die Geschichte vor unseren Augen. Die Initiative des seit über zehn Jahren aktiven Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker »Das Gemeinsame Erbe« veranlasste uns, zusammen und einmütig, ohne jede Spur von Nationalismus, das Kulturerbe Schlesiens in Augenschein zu nehmen. Es gibt nicht zwei Kunstgeschichten Schlesiens mehr, nicht zwei »Wahrheiten«, die polnische und die deutsche, es gibt nur die eine Wahrheit über die europäische, übernationale Kunst Schlesiens, die ein wichtiges Kapitel des gemeinsamen europäischen Erbes ist. Auf diesem Weg gilt es nun fortzuschreiten.

Betrachtet ein europäischer Kulturhistoriker die Geschichte Schlesiens, so wie das der Historiker Norman Davies in seinem Buch »Die Blume Europas« tut, bemerkt er, dass es europaweit kein zweites Gebiet gibt, das hinsichtlich seiner multikulturellen Vielfalt Schlesien gleichkommen würde. Diese ergibt sich aus der wechselvollen politischen Geschichte dieses Gebietes. In seiner eintausendjährigen durch Quellen verbürgten Geschichte änderte Schlesien fünfmal seine Staatszugehörigkeit. Die in der Toponomastik nachgewiesene böhmische Herrschaft ging auf der Neige des 10. Jahrhunderts mit der Aufnahme Schlesiens in den polnischen Piasten-Staat zu Ende, wo es über 350 Jahre – bis Mitte des 14. Jahrhunderts – blieb. Infolge von Verträgen fiel Schlesien dann für weitere 200 Jahre an das böhmische Königtum, durch Erbschaft erwarben es danach für 200 Jahre die österreichischen Habsburger. Dieser langen Zeit des friedlichen Wechsels der Staatszugehörigkeit Schlesiens hatte Friedrich II. ein Ende bereitet. Nach drei zerstörerischen Kriegen um die Mitte des 18. Jahrhunderts hat er Schlesien für weitere 200 Jahre Preußen und dessen Nachfolgestaaten angegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich der Kreis der Geschichte auf dramatische Weise geschlossen.

Jeder Herrschaftswechsel brachte neue kulturelle und zivilisatorische Werte mit sich. Die Grundlagen für deren Aufnahme aber wurden in der Piasten-Zeit geschaffen. Schon damals befand sich nämlich Schlesien im Kreis der westeuropäischen Kultur und Kunst. Es vollzog sich die Christianisierung, die Kirche erstarkte, gestützt auf das Breslauer Bistum, das Kaiser Otto III. im Jahre 1000 schuf und das 700 Jahre zur polnischen Kirchenprovinz – dem Erzbistum Gnesen/Gniezno gehörte.

Ab Ende des 12. und das ganze 13. Jahrhundert hindurch waren die ostmitteleuropäischen Staaten Polen, Böhmen und Ungarn Schauplatz einer großen ethnischen Diffusion – der deutschen Ostsiedlung. Sie war das Ergebnis einer bewussten Politik dieser Staaten; deren Herrscher öffneten sie weit für Kolonisten aus Westeuropa, die wiederum einen bedeutenden Zivilisationsfortschritt mitbrachten. Die Ansiedlung verlief in dem unmittelbar am Reichsgebiet liegenden Schlesien dank der zielgerichteten Politik der Piasten-Herrscher sehr zügig und planvoll. Die Ansiedler erhielten Sonderrechte und Freiheiten. In den mittelalterlichen Urkunden werden sie »hospites« – Gäste genannt, was heutzutage sowohl »Gastarbeiter« aber auch »Gastprofessor« bedeuten könnte. Nicht nur trugen die von den Neusiedlern mitgebrachten fortschrittlichen Methoden der Landwirtschaft, insbesondere aber auch die Stadtgründungen zur Modernisierung Schlesiens bei, sondern die abendländische – deutsche Hochkultur schlug Wurzeln auch in den Klöstern und im Hause der Piasten-Herrscher, deren Frauen und Mütter in der Regel deutsche Herzoginnen waren.

Ich möchte an ein Beispiel der deutsch-polnischen Kultursymbiose in der Renaissance-Zeit im 16. Jahrhundert erinnern: Der mit Barbara von Brandenburg verheiratete Piasten-Herzog Georg II., stolz auf seine königliche Herkunft, liess am Tor seines Schlosses in Brieg/Brzeg die Brustbilder seiner Ahnen seit dem 10. Jahrhundert anbringen. Er baute seinen Wohnsitz um nach dem Vorbild des königlichen Renaissanceschlosses in Krakau und erwog ernsthaft seine Kandidatur bei den Wahlen des polnischen Königs anzumelden. An seinem Hof in Brieg wurde die Poesie des bekanntesten polnischen Renaissance-Dichters Jan Kochanowski vorgetragen ... in deutscher Übersetzung, denn weder der Herzog noch sein Hofstaat sprachen Polnisch.

Während die Städte deutschsprachig waren, wurde in großen Teilen des ländlichen Schlesien lange Zeit hindurch sowohl Deutsch als auch Polnisch gesprochen, beide Sprachen vermischten sich sogar. In Oberschlesien war das bis zum 20. Jahrhundert der Fall.

Die wechselnde Staatszugehörigkeit ließ den Weg offen für vielfältige Einflüsse in der Kunst. In der ersten, der polnischen Periode Schlesiens schöpfte dessen romanische Architektur und Kunst hauptsächlich aus deutschen Vorbildern, unter böhmischer Herrschaft wurde die Gotik prägend. Unter den Habsburgern verbreitete sich die hochklassige barocke Baukunst österreichischer Provenienz und dies keineswegs nur im Gefolge der Gegenreformation. Als nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg das Prinzip »Cuius regio eius religio« galt, tat man in Schlesien den ersten Schritt in Richtung Religionstoleranz: der österreichische Kaiser erlaubte, dass auf dem Gebiet Schlesiens evangelische »Gnadenkirchen« und »Friedenskirchen« gebaut wurden. Schon in jenen Zeiten stellte die seit sieben Jahrhunderten von unterschiedlichen Kunstrichtungen und Künstlern beeinflusste Architektur und Kunst Schlesiens ein gemeinsames europäisches Erbe dar. Während der preußischen Herrschaft und der Weimarer Republik wurde es noch bereichert. Damals vollzog sich eine weitgehende Modernisierung der schlesischen Kulturlandschaft, die insbesondere die Städte preußisch prägte.

Ein solches Bild der Kulturlandschaft der verlorenen Heimat haben die deutschen Schlesier im kollektiven Gedächtnis bewahrt. Viele von ihnen haben auch »ihre« eigene Wahrheit über das »ewige Deutschtum Schlesiens« mit in den Westen genommen und damit die Überzeugung, Erben der »Kulturträger« zu sein, die sich einst in einer Wüste angesiedelt hatten. Vor allem aber einen Wert haben sie mitgenommen, der der wichtigste ist und den ihnen niemand entreißen kann, nämlich die wahre und aufrichtige Liebe zur verlorenen Heimat. Das Recht auf Liebe und Erinnerung ist nämlich eines der Grundrechte des Menschen.

Als die deutschen Schlesier das Land ihrer Väter verließen, ging die Geschichte dieser Region aber nicht zu Ende. Auf dramatische Weise setzte sie sich fort. Zu den Kriegszerstörungen kamen massive Verwüstungen und Raub durch die Sowjetarmee. Die aus ihren verlorenen Ostgebieten vertriebenen, allmählich eintreffenden polnischen Umsiedler lebten sich nur sehr mühsam in der für sie fremden Umgebung ein, deren deutscher Charakter auf Schritt und Tritt in die Augen sprang. Viele warteten auf ein Wunder, das ihnen die Rückkehr in die Heimat ermöglichen könnte. In dieser Situation schritt die so genannte »Entprussifizierung« – »odprusaczanie« der Kulturlandschaft schnell voran. Diese spontane Reaktion artete phasenweise in einen organisierten Vandalismus aus, der sich als staatliche »Aktion zur Beschaffung von Baumaterialien« für den Wiederaufbau Warschaus und anderer Städte ausgab. Großflächig und in beträchtlichen Mengen fiel dieser Aktion historische städtische Bausubstanz zum Opfer. Es war ein schwerer Kulturverlust, für den die Polen gegenüber Europa und gegenüber den Deutschen die Schuld tragen.

Die Anpassungsschwierigkeiten an die neue Umgebung versuchte die kommunistische Propaganda dadurch zu erleichtern, dass sie den polnischen Neuankömmlingen – »Repatrianten« genannt – vorspiegelte, »urpolnische Gebiete wiederzugewinnen« und zu besiedeln. In Schlesien, das tatsächlich auf einige Jahrhunderte polnischer Herrschaft in seiner Geschichte zurückblicken konnte, besann man sich nun also auf die Piasten-Zeit. Man begann mit der archäologischen und historischen Erforschung des frühen Mittelalters und machte bedeutsame Entdeckungen, insbesondere im Bereich der ältesten schlesischen Architektur und Kunst. Romanische und frühgotische Architektur wurde als »national polnische« reklamiert, spätere Kunstrichtungen wurden als »fremd« abgelehnt. Trotzdem gelang es den polnischen Konservatoren, manchmal aus dem Kampf mit den Behörden zahlreiche Denkmale und Denkmalensembles, ganze historische Stadtzentren, verschiedenster Herkunft zu retten und sie dann zu konservieren beziehungsweise wiederaufzubauen.

Als der Propagandamythos vom »Urpolentum« sich als Manipulation des Regimes entpuppte und in Nichts auflöste, stellte sich nun aber immer dringlicher das Problem, zur zunehmend als deutsch erkannten Geschichte der Region einen emotionalen Zugang zu gewinnen. Das Nationalgefühl verhinderte, sie als die eigene anzuerkennen. Sie aber abzulehnen hieße sich in einem kulturell-historischen Vakuum zu bewegen. Es musste sich erst viel gewandelt haben, drei Generationen von Polen mussten in Schlesien aufgewachsen sein und sich immer stärker mit dessen Kulturlandschaft und Geschichte – bis hin zum echten Regional -und Lokalpatriotismus – identifiziert haben, zugleich aber immer die verlorene Heimat ihrer Väter im Herzen bewahrend, bis auch die Mentalität der Menschen sich wirklich ändern konnte. Diesen Prozess förderte die Losung vom »gemeinsamen europäischen Erbe«, die die Bürger des sich vereinenden Kontinents aufforderte, sich mit dessen ganzem großen materiellen und geistigen Erbe zu identifizieren. Deshalb können bedeutende deutsche Wissenschaftler und Künstler von europäischem Rang, deren Leben eng mit der schlesischen Geschichte und Kultur verbunden war und deren Werke auf schlesischen Boden gewachsen sind, jetzt ein gemeinsames Gut und auch der Stolz der früheren und der heutigen Schlesier sein. Sie können sogar eine »doppelte Staatsangehörigkeit« haben. Daraus folgt aber auch, dass die Polen die Verantwortung tragen für die Erhaltung und Pflege dieser Kulturgüter, die die reiche und komplexe Geschichte Schlesiens dokumentieren. Diese Überzeugung fand ihren Ausdruck in einem wichtigen Dokument, das 1982, während des Kriegszustands, in Polen erstellt wurde, aber nur im Untergrund kursieren durfte. Es war die »Denkschrift über den Zustand der Denkmäler in Niederschlesien« verfasst von schlesischen Kunsthistorikern. Sie betonten darin ausdrücklich das deutsche Erbe und riefen zu einer offenen Debatte und zur polnisch-deutschen Zusammenarbeit bei dessen Schutz auf. Das war ein wichtiger wenn auch vorerst noch inoffizieller Schritt zur Annahme des Prinzips des »gemeinsamen Erbes«, viel früher als diese Losung in Europa ihre Verbreitung fand.

In diesem Sinne wirken wir Hand in Hand mit unseren deutschen Kollegen, z. B. vom Herder-Institut in Marburg, dem Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Östlichen Europa in Oldenburg und dem Deutschen Kulturforum Östliches Europa in Potsdam. Ihnen allen herzlichen Dank.

Das Prinzip des »gemeinsamen Erbes« bildet eine stabile Grundlage für die Entfaltung der Zusammenarbeit zwischen den früheren deutschen und polnischen Vertriebenen in Schlesien. Sie währt schon lange und vertieft sich durch direkte Kontakte, durch Opferbereitschaft deutscher Schlesier, die ihren früheren Heimatgemeinden zugute kommt, durch gemeinsame kulturelle Initiativen, die Gründung lokaler polnisch-deutscher Gesellschaften und die Bildung von Städtepartnerschaften.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein persönliches Erlebnis anführen. Vor einigen Jahren war ich zugegen, als der Bürgermeister von Glogau/Głogów den Delegationsleiter der Partnerstadt Langenhagen begrüßte. Bei der Vorstellung bekannte der deutsche Gast zögernd: »Ich bin geborener Glogauer«. »Ich auch« bekam er als Erwiderung zu hören. Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen. Dann umarmten sich beide wortlos. Ich schloss sie in meine Arme und fügte hinzu: »Beide seid ihr Schlesier und beide Europäer«. Und das ist wahr.

Westdeutsche Schlesier trugen schon in den 1970er Jahren zum Schutz des schlesischen Kulturerbes bei, indem sie etwa bei Besuchen ihrer Heimatorte oftmals den Pfarrern Geld für die Renovierung oder den Wiederaufbau der Kirchen in die Hand drückten. Nach dem Fall des Kommunismus und insbesondere nach der polnisch-deutschen Versöhnung war die Opferbereitschaft der deutschen Schlesier sehr groß. (Erinnern wir uns an das langjährige Engagement der Familie von Richthofen für die Friedenskirche zu Jauer/Jawor. Aber man kann noch die andere beispiele anführen.) Der volle Umfang dieser finanziellen Unterstützung bei der Restaurierung und dem Wiederaufbau schlesischer Denkmäler ist kaum gebührend abzuschätzen, da viele Spender anonym bleiben wollen; in der Regel distanzieren sie sich auch von den offiziellen Verlautbarungen des Bundes der Vertriebenen. Seit 1990 bereits ist die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit tätig, die beachtliche Geldsummen für den Denkmalschutz bereitstellte. Darüber hinaus arbeiteten polnische und deutsche Konservatoren an bedeutenden Objekten gemeinsam. Nennen wir zwei Beispiele: die grenzübergreifende sächsisch-polnische Zusammenarbeit bei der Revalorisierung der Muskauer Parkanlage des Fürsten Pückler sowie die Restaurierung der Friedenskirchen in Schweidnitz/Świdnica und Jauer/Jawor. Diese Denkmäler stehen heute auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Jetzt sehen die Breslauer Bürger mit Ungeduld und Stolz der Aufnahme der Jahrhunderthalle des preußischen Architekten Max Berg in diese Liste entgegen, was im Juli geschehen soll. Die Normalisierung der Rechtslage in Polen nehmen frühere deutsche Adelsfamilien wahr und kehren nach Schlesien zurück. Sie wachsen mit der polnischen Bevölkerung zusammen und sind ihr hilfreich. Hier möchte ich zwei mir wohl bekannte Beispiele erwähnen: Familie von Küster hat in ihrem früheren Stammsitz in Lomnitz/Łomnica das Kulturzentrum und den »Verein zur Pflege Schlesischer Kunst und Kultur« gegründet; Familie von Wietersheim-Kramsta hat die Hedwig-Stiftung ins Leben gerufen und führt in ihrem Schloss in Muhrau/Murawa eine Kindertagesstätte für den Nachwuchs polnischer Familien. Solcher Beispiele gibt es mehr.

Von dieser Stelle aus und zu dieser Feierstunde möchte ich mich als Pole und als Europäer, dem die Überlieferung des gemeinsamen Erbes an unsere Nachkommen ein Herzenswunsch ist, bei all jenen deutschen Schlesiern und ihren Nachkommen bedanken, die ihrer beständigen Heimatliebe durch die Unterstützung schlesischer Denkmäler Ausdruck verleihen. Denn obwohl sie inzwischen durch den Generationswechsel in ihre »neuen Heimat« hineingewachsen sind, so lebt doch das Bewusstsein der eigenen Wurzeln und die Heimatliebe ihrer Väter fort. Es ist eine ganz besondere und schwierige Liebe, die höchste Achtung verdient – eine Liebe, die die grande dame der polnisch-deutschen Versöhnung Marion Gräfin Dönhoff in die schönen Worte fasste: »Lieben ohne zu besitzen«. Aber das, was sie vor Jahren so berührend sagte, hat heute doch nicht wenig von der darin auch mitschwingenden Trauer des Abschieds verloren. Wir gehören heute den Nationen und Staaten der Europäischen Union an, wir überschreiten die Grenzen ohne Visum und Pass, wir fühlen uns mehr und mehr hier wie auch dort zu Hause. Alle Kulturgüter Europas sind unser Kulturbesitz.

Die wieder aufgebauten Neiße-Brücken in Muskau/Mużaków und Görlitz/Zgorzelec sind Symbole einer unwiderruflichen Zukunft, und derlei Brücken können wir nicht aufbauen auf dem, was uns trennte sondern was uns immer verband und weiterhin verbindet, nämlich unsere gemeinsame abendländisch- christliche Kultur. Politikern und »Ideologen« auf beiden Seiten, die anstatt neue Brücken zu bauen Mauern errichten wollen, sollte man das plausibel machen. Sie streben gegen den Strom, gegen die fortschreitende Annäherung zwischen unseren beiden Völkern. Damit sind sie geschichtlich gesehen zum Scheitern verurteilt. Cultura longa politica brevis.

Die Geschichte Schlesiens sollen wir von ihren Anfängen bis heute gemeinsam erforschen und bekannt machen. Dabei sollten wir jedoch die erkennbare »objektive« historische Wahrheit von ihrer subjektiven Aufzeichnung im sozialen Gedächtnis unterscheiden. Schlesien ist nämlich nicht immer derselbe Erinnerungsort für Deutsche und Polen. Ihr kollektives Gedächtnis ist ein wichtiger Faktor, der verschiedene Bereiche des sozialen und politischen Lebens beeinflusst. Wir haben aber auch gemeinsame schlesische Erinnerungsorte. Da ist die Schlacht bei Liegnitz/Legnica im Jahre 1241 zu nennen, in der deutsche und polnische Ritter Schulter an Schulter Europa gegen die Tataren verteidigten, da ist die Heilige Hedwig, die gemeinsame Schutzherrin Schlesiens und bayerische Gemahlin des Piasten-Herzogs Heinrich des Bärtigen, dazu rechnen wir aber auch Kreisau/Krzyżowa, die Gedenkstätte des deutschen Widerstands und auch ein Symbol der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen. In Zukunft wird es mehr solcher Orte geben.

In sechzig Jahren nach dem Krieg ist im polnischen Schlesien kein Museum seiner tausendjährigen Geschichte entstanden. Mag sein, dass dort die Zeit noch nicht reif ist für einen übernationalen, europäischen Blick auf diese Geschichte. Görlitz, das vom hohen Neiße-Ufer auf Schlesien niederschaut, versucht mutig der Wegbereiter hierfür zu sein. Die Eröffnung des Schlesischen Museums in seinem schönen, trefflich restaurierten Sitz im Schönhof ist ein bedeutsames kulturpolitisches Ereignis mit überregionaler Bedeutung. Es ist zugleich eine neue, wichtige Chance für die Kultur in Görlitz. Dazu beglückwünsche ich die Väter dieser herrlichen Stadt, sowie alle, die die Initiative zur Museumsgründung ergriffen haben, insbesondere auch Herrn Direktor Markus Bauer, ganz herzlich. Diese Dauerausstellung wird mit Sicherheit im Zentrum des Interesses sowohl deutscher als auch polnischer Erforscher der schlesischen Geschichte stehen und zweifelsohne öffentliche Diskussionen auslösen. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen den die Geschichte unserer beiden Länder erforschenden Historikern beitragen wird – um eines Zieles willen, das die ultima ratio der Wissenschaft ist, nämlich der Wahrheit auf den Grund zu gehen und sie ans Licht zu fördern. Und um auf diesem Fundament die zwischenmenschliche Verständigung aufzubauen. Das ist doch unser gemeinsames Ziel und unsere moralische Pflicht. Eine Pflicht des Verstandes und des Herzens. Deshalb lassen Sie uns alle beim heutigen ökumenischen Gottesdienst in der Kirche St. Peter und Paul zusammen mit deutschen, tschechischen und polnischen Schlesiern die stets aktuelle Botschaft ihres schlesischen Dichters Andreas Gryphius wiederholen: »Wach auf, mein Herz, und denke / Przebudź się moje serce i pomyśl«.