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Wer einmal aus dem Blechnapf fraß

Ideologie trennt, aber Kultur eint: Das Schlesische Museum in Görlitz ist eröffnet

Von Irmela Spelsberg

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.06

Görlitz, einst am mittelalterlichen Handelsweg von Leipzig nach Breslau, seit seiner Zugehörigkeit zur preußischen Provinz Schlesien an der neuen Bahnlinie Berlin-Breslau gelegen, später Durchgangsstation der Vertriebenen und heute Tor für Schlesienreisende - Görlitz ist nun auch Sitz des zentralen Schlesischen Museums in Deutschland und somit wieder Brücke in die östliche Nachbarregion.

Nach langer Aufbauzeit gesellt das Museum sich nun zu den schon früher mit Bundes- und Länderhilfe geschaffenen Museen für West- und Ostpreußen, Pommern und die ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete in Südosteuropa, und es ergänzt Partnerinstitutionen zu Schlesien, wie es sie bereits in Königswinter und Ratingen gibt. Geleitet wird das Görlitzer Haus von dem Historiker Markus Bauer.

In vielen, auch von polnischen Museen beschickten Ausstellungen testete man in den vergangenen Jahren das Terrain. Getragen von einer Stiftung mit der Bundesrepublik, Sachsen, Görlitz und der Landsmannschaft Schlesien als Partnern, öffnet morgen dieses "Museum für eine europäische Kulturregion" seine Tore. In Schlesiens Kultur und Geschichte will es "einen ersten Einstieg" bieten, um sie, so Hans-Wilhelm Hünefeld, Ministerialdirigent beim Kulturstaatsminister und Vorsitzender des Stiftungsrates, "in gutnachbarlicher Kooperation als gemeinsames Kulturerbe der einst dort Beheimateten wie der heute dort Lebenden zu erkennen, aufzuarbeiten und zu pflegen". Polen reagiert mit großem Interesse auf die Neugründung. Der zur Eröffnung geladene frühere polnische Generalkonservator Andrzej Tomaszewski beglückwünscht Görlitz als "mutigen Wegbereiter".

Vorläufermuseen gab es in Teschen und Troppau - beide bestehen fort, letzteres im heutigen Tschechien. Breslau verfügte sogar über zwei Schlesische Museen. Beide aber sind im Krieg zerstört worden, von den Beständen gelangte vieles ins Muzeum Narodowe, das Breslauer Nationalmuseum. Ganze Waggonladungen gingen aber 1946 auch nach Warschau und blieben im wesentlichen bis heute dort, was den inzwischen erstarkten Regionalstolz der polnischen Schlesier nachhaltig kränkt. Das Muzeum Slaskie, das Schlesische Museum zu Kattowitz, war im Krieg von den Deutschen gezielt zerstört worden, seine Sammlungen schluckte das "Grenzlandmuseum" in Beuthen. Ein Neubau ist aber derzeit in Kattowitz in Planung. Markus Bauer wünscht sich für die Zukunft ein Netzwerk aller Museen zu Schlesien. Vorerst präsentieren sich rund dreißig aus Polen, Tschechien und Deutschland zur Görlitzer Eröffnung mit je einem Ausstellungsstück.

Gezeigt werden sie im Görlitzer Schönhof. Dieser Stadtpalast der Frührenaissance, 1832 ergänzt um ein Malz- und ein Brauhaus, ist das älteste datierte Bürgerhaus der deutschen Renaissance. Nach einem verheerenden Stadtbrand wurde es 1526 von Wendel Roskopf, einem in Prag geschulten Architekten, errichtet. Im Inneren konnten die Restauratoren in zwölf Räumen eindrucksvolle Wandmalereien und bemalte Holzdecken aus Renaissance und Barock freilegen. Die Ausstellung bietet deutsche und polnische Begleittexte. Nach einer Einstimmung in Schlesiens Landschaften und Städte, für deren Schönheit und Reichtum ein Modell des gotischen Breslauer Rathauses steht, folgt ein chronologischer Durchgang: Schlesien im Mittelalter, regiert vom polnischen Fürstengeschlecht der Piasten, die ihr Land nach Westen öffneten, ist dabei etwas schwach repräsentiert. Eine Kostbarkeit ist aber die um 1410 aus Lindenholz geschnitzte Mondsichelmadonna, eine Leihgabe der Bundesrepublik. Als Teil eines in Böhmen und Schlesien verbreiteten Altartyps deutet sie auf die jahrhundertelange schlesische Zugehörigkeit zur böhmischen Krone hin.

Der deutsche Zug verstärkte sich, als Schlesien 1526 in Habsburger-Besitz kam. Breslauer Silberschmiede, in Augsburg und Nürnberg ausgebildet, schufen Prunkpokale für die Kaiser. Ein Schmuckstück der Ausstellung ist der von Christian Menzel 1685 für Breslaus "kaufmännische Schützenbruderschaft" geschaffene vergoldete Silberadler. Die Prachtentfaltung des österreichisch inspirierten Barock und der hohe Stand schlesischen Kunsthandwerks zeigt sich im Tafelgerät von Bürgern und Adel, in geschnittenen und vergoldeten Gläsern aus den Hütten des Riesengebirges. Ein zentrales Thema ist der prägende Streit der Konfessionen. Die den Protestanten zugestandenen Friedens- und Gnadenkirchen konnten es, ihrem bescheidenen Äußeren zum Trotz, dank der inneren Schönheit mit der Prachtentfaltung der katholischen Gegenreformation aufnehmen. Ihr Zentrum war Kloster Grüssau. Von dort stammt die kleine Marienfigur, die von der Familie der Grüssauer Klostermüller auf der Flucht mit nach Westen genommen und von einem Nachfahren nun dem Görlitzer Museum übergeben wurde.

Die spürbarste Zäsur erlebte Schlesien, als es nach 1740 zur straff verwalteten Musterprovinz Preußens wurde und in den Einflußbereich des Berliner Klassizismus und aufgeklärten Absolutismus geriet. Nüchterne Zweckbauten, Zucht- und Bethäuser, Kasernen, Rathäuser und Hüttenwerke belegen dies. Keramik-, Glas-, Porzellan- und Textilindustrie begründeten Schlesiens Wirtschaftskraft, führen aber auch zu sozialen Spannungen und Aufständen. Ein Sproß der Kohlemagnaten Henckel von Donnersmarck ließ 1854 sein Hochzeitsbesteck vom Goldschmied Friedrich Wilhelms IV. in Berlin anfertigen, neunzig Jahre später mußte die Familie auf der Flucht von Blechtellern essen. Auch sie sind ausgestellt - in der Abteilung "Untergang und Neubeginn". Im Oberschlesien gewidmeten Ausstellungsteil scheint der Krieg der Propagandaschriften zur Volksabstimmung von 1921 vorauszudeuten auf das Kapitel, das dem "Dritten Reich" gewidmet ist. Briefe von Zwangsarbeitern bezeugen den Staatsterror, gegen den sich der Kreisauer Kreis aufbäumte. Der Weltkrieg wird als beiderseits erlittenes Schicksal eindrucksvoll deutlich in der Galerie der Habseligkeiten, die flüchtende Deutsche und Polen mitführten.

Einem polnischen Besucher verdankt Markus Bauer denn auch ein ganz besonderes Stück, eine Art Flaschenpost an die Zukunft. Der Überbringer hatte bei der Erneuerung seiner Dielen den versteckten, handgeschriebenen, hilflosen Protest des früheren deutschen Hauseigentümers gegen den Krieg gefunden, datiert auf den 15. Juli 1940.

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