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Ein Haus der Versöhnung

Von Thomas Mayer

Leipziger Volkszeitung, 10.05.06

Trotzig hängen die Fahnen der jüngst gescheiterten Kulturhauptstadt-Bewerbung im Wind auf dem Untermarkt. Markus Bauer, seit 1999 Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz, hat keine Zeit, über diese Niederlage nachzudenken, er weiß aber: „Sie hat weh getan. Görlitz ist aber nicht gewillt, deshalb in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.“ Ein Beitrag dazu ist das am kommenden Sonnabend neu öffnende Museum im Schönhof.

Der in den letzten Jahren wiederhergestellte Renaissancebau, der zu den schönsten Häusern der Altstadt gehört, ist Heimstatt dieser Bildungs- und Erlebniseinrichtung. Mit seiner prachtvollen Fassade, der reichen Bauplastik und meist original erhaltenen Holzdecken brilliert der Schönhof auf den ersten Blick als Museum an sich: Goldschmiedearbeiten aus Breslau, Glas aus den Hütten des Riesengebirges, Fayencen aus Proskau und Eisenkunstguss aus der Gleiwitzer Hütte.

„Die Ausstellung führt die Besucher durch neun Jahrhunderte schlesischer Geschichte, in denen das Land zum piastischen Polen, zum Königreich Böhmen, zum Preußen der Hohenzollern und zum Deutschen Reich gehörte. Die Schau dokumentiert natürlich auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Untergang des alten Schlesiens im Nationalsozialismus und die Vertreibung“, merkt Markus Bauer zu einem Museum an, das schon seit 1996 als Stiftung durch die Bundesrepublik Deutschland, den Freistaat Sachsen, die Stadt Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien existiert und nun endlich auch mit Leben erfüllt wird. In der Satzung heißt es unter anderem: „Das Museum will Vergangenheit und Gegenwart der Kulturregion Schlesien bekannt machen und einen Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschland, Polen und Tschechien leisten.“

Markus Bauer weiß um die politische Brisanz seiner Arbeitsstätte. Laut dem Direktor wurde alles getan, um für Vertrauen werben zu können. Auf den ersten Blick spricht dafür die zweisprachige deutsch-polnische Beschriftung. Die oft schmerzvolle Geschichte wird dargestellt als gemeinsames Erbe von Polen, Deutschen und Tschechen. Bauer: „Heute übernimmt Schlesien wieder seine alte Rolle als Brücke zwischen den Völkern und Kulturen im östlichen Mitteleuropa. Dafür steht das Museum genau am richtigen Ort.“

Genau das sehen aber politische Kreise in Polen unter neuer konservativer Führung anders. Aus Warschau verlautete, so ein Museum gehöre nach Wrocław (Breslau). Also hat sich bis jetzt zur Eröffnung kein Vertreter des polnischen Kulturministeriums angemeldet. Andere Prominenz hat das getan: Andrzej Tomaszewski, Universitäts-Professor aus Warschau, hält die Festansprache. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt, der Staatsminister für Kultur Bernd Neumann und der Ehrenvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien Herbert Hupka. Gerade 90 geworden, steht der oft zu Unrecht als „kalter Krieger“ Verschrieene als herausragendes Beispiel für das Thema Versöhnung. In seinem ehemaligen oberschlesischen Heimatort Racibórz (Ratibor) wurde Hupka schon vor Jahren die Ehrenbürgerwürde verliehen.

In diesem Kontext nennt Markus Bauer unter vielen güldenen Schätzen sein optisch eher banales Lieblingsobjekt: „Als Krzysztof Słabosz in Jaszkowa Górna, dem ehemaligen Oberhannsdorf, vor drei Jahren die Dielung seines Wohnzimmers erneuerte, fand er einen alten Briefumschlag mit handgeschriebenen Notizen. Die einstigen deutschen Eigentümer des Hauses, eine Familie Gröger, hatten 1940 ihren hilflosen Protest gegen den Krieg unter den Dielen versteckt. Uns gelang es nun, die Grögers ausfindig zu machen. Die Verfasser der Nachricht sind verstorben, die Enkel wollen aber nun jene Leute kennen lernen, die heute im Haus der Eltern leben.“