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Orte der Sehnsucht

In Görlitz wird am Samstag das Schlesische Museum eröffnet. Es bietet Wissenschaft statt Folklore

Von Berthold Seewald

Die Welt, 11.05.06

Als unlängst in Brüssel die Chancen der beiden deutschen Kandidaten für Europas Kulturhauptstadt 2010 noch einmal abgewogen wurden, beschwor man bei Görlitz das Gefühl. Die Stadt an der Neiße sei ein Sehnsuchtsort, hieß es, ein Ort der Träume am östlichen Rand Deutschlands.

Doch wie das so ist mit den deutschen Träumen, ganz in ihrer Nähe lauert der Albtraum. Als sich im Sommer 1866 in weitem Bogen um Görlitz herum die preußischen Divisionen zum Marsch nach Böhmen sammelten, schien der Traum vom Nationalstaat zum Greifen nah. Zwei Generationen später zog die Neißestadt die Flüchtlinge aus dem Osten an, weil sie hofften, von hier aus doch noch in die verlorene Heimat zurückkehren zu dürfen.

Auf die Landskron, den Hausberg von Görlitz, wanderten in DDR-Zeiten jene, die damals nicht hatten zurückkehren dürfen nach Schlesien, in die Heimat. Von der Landskron schauten sie hinab. Denn Görlitz und sein Umland ist der Teil dieses alten Landes, den die Potsdamer Konferenz 1945 beim östlichen Deutschland gelassen hat. Es erscheint wie eine Laune der Geschichte, daß Görlitz heute der Hauptort einer Landschaft ist, die wie keine andere Deutschlands schwierige Verstrickung in die Händel Ostmitteleuropas symbolisiert.

Wie sehr der europäische Bundesstaat geeignet ist, historische Verwerfungen einzuebnen, zeigt der Umstand, daß Görlitz, wäre es zur Kulturhauptstadt gekürt worden, zusammen mit seinem früheren, östlich der Neiße gelegenen Stadtteil Zgorzelec, die Ehre angenommen hätte. Und die wichtigste Einrichtung dieser Kulturkapitale wäre im Zeichen dieser Nachbarschaft eröffnet worden: das Schlesische Museum, das nach 15 Jahren Vorbereitung am Samstag seiner Bestimmung übergeben wird.

Es ist ein Museum in einem Museum in einem Museum. Mit rund 4.000 Häusern aus Gotik, Renaissance, Barock und Gründerzeit ist Görlitz »eine unfaßbar heile Stadt«, wie es der Wanderer Wolfgang Büscher formulierte. Im Schönhof, dem ältesten Renaissancebürgerhaus Deutschlands, und im benachbarten Haus zum Goldenen Baum hat das Museum seinen Sitz gefunden. Unter den prachtvoll sanierten Decken und zwischen Wänden, in denen kein Stromkabel verlegt werden durfte, stehen die Vitrinen, deren Licht die Räume erhellt. Verschachtelt wie die Raumaufteilung der Häuser ist die Geschichte, die hier erzählt wird.

Sie handelt von Deutschen und Polen und Tschechen, von polnischen Piastenherzögen und deutschen Siedlern, die jene vor 800 Jahren ins Land holten, von habsburgischen Kaisern, die sich schwer taten mit dem überwiegend protestantischen Land, und von Friedrich, dem Preußenkönig, der in drei Kriegen der Kaiserin Maria Theresia des Land nahm und zu einer Kernprovinz seines Staates machte.

Für Museumsdirektor Markus Bauer war es nicht leicht, in sieben Jahren eine Sammlung buchstäblich aus dem Boden zu stampfen, zumal ihm der polnische Antiquitätenmarkt mit seinen Ausfuhrverboten verschlossen blieb. Mittelalterliche Stücke aus Schlesien waren kaum zu finden. Und wenn der gebürtige Hesse erzählt, wie der Bund zahlreiche Objekte, die einst für die Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums und anderer Häuser angekauft worden waren, nun für Görlitz zurückforderte, dann wird deutlich, daß sich das neue Haus an der Neiße nicht nur Freunde gemacht hat.

In Königswinter unterhält die Landsmannschaft Schlesien ihr Museum für schlesische Landeskunde, in Ratingen am Niederrhein pflegen die Oberschlesier ihr Landesmuseum Oberschlesien. Daß diesen eher folkloristischen Sammlungen einmal eine »zentrale museal-wissenschaftliche Einrichtung für die Kulturgeschichte Schlesiens in der Bundesrepublik«, wie es im Gründungsauftrag heißt, beigestellt werden sollte, war ein Projekt, das der damalige Vorsitzende der schlesischen Landsmannschaft, Herbert Hupka, seit den Achtzigern in Hildesheim verfolgte. Die Wende von 1989 korrigierte Projekt und Perspektive. Nicht mehr ein Heimatmuseum zur Pflege des Verlorenen, sondern ein Ort der Selbstvergewisserung durch Bildung und Kommunikation soll das Görlitzer Museum werden. Verglichen mit den übrigen Trägern – Bund, Land Sachsen, Stadt – spielen die organisierten Schlesier nur eine dezente Rolle. Hupka, mittlerweile Ehrenbürger von Ratibor (Racibórz), wird zur Eröffnung sprechen. Sein Nachfolger Rudi Pawelka hat sich auch angesagt. Als Aufsichtsratsvorsitzender der Preußischen Treuhand weckt er, der auch im Stiftungsrat des Museums sitzt, in Polen Gefühle, denen das Museum doch wehren will.

Dessen Aufgabe ist es, »die deutschen Kulturtraditionen Schlesiens in eine europäische Perspektive« zu stellen. So entwerfen die 1.000 Objekte, verbunden mit Multimedia-Einsatz, kein Geschichtsbild, das noch zu Kontroversen Anlaß geben sollte. Gewiß, die Orte, aus denen Schnitzereien, Tonwaren, Metallgußarbeiten oder Porzellane stammen, stehen dafür, daß es in Görlitz nicht nur um die Pflege regionaler Erinnerung geht. Schlesiens Metropole Breslau ist allgegenwärtig. Doch vielleicht erfüllt das die Beziehungen über die Neiße mit kräftigerem Leben, als Sonntagsreden dies tun würden.

Alle Texte, alle Objektbeschreibungen sind gleichwertig in Deutsch und Polnisch gehalten. Die großen Debatten bis in die gemeinsamen Schulbuchkommissionen hinein, wie denn welche Abstimmung nach dem Ersten Weltkrieg manipuliert wurde, werden im kühlen Duktus des Handbuch-Jargons dargestellt. Anders ließe sich die Vertreibung von 3,2 Millionen Deutschen und die Ansiedlung von vertriebenen Polen aus den von den Sowjets annektierten Gebieten kaum darstellen, ohne noch heute Emotionen zu wecken.

Doch selbst ein so schwieriges Kapitel wie das Lager Lamsdorf wird nicht ausgespart. Im Sommer 1945 wurden in diesem ehemaligen Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht die zur Ausreise bestimmten Deutschen oberschlesischer Kreise zusammengepfercht. Tausende starben in der »Hölle von Lamsdorf«, heißt es in der Arbeit von Heinz Esser, der darüber berichtete. Daß dieser Text als Ausstellungsstück unübersetzt bleibt, mag daran erinnern, daß ein schlesisches Museum an der Neiße so selbstverständlich doch noch nicht ist.

Der Schönhof liegt am Untermarkt von Görlitz, da, wo einst die Häuser der alten Tuchhändler- und Färberstadt standen, deren Besitzer reich wurden durch den Handel auf der Via Regia zwischen Schlesien und dem Westen. Knapp 100.000 Einwohner zählte die Stadt bis 1989, heute sind es noch 57.000. Doch während viele Alteinwohner immer noch von einem Leben im reichen Westen träumen, gleichen Hinzugezogene diesen Aderlaß mittlerweile aus. Zumindest einige der traumhaften Altstadtwohnungen sind zum Ruhesitz von Pensionären geworden.

Hinter dem Untermarkt führt die Neißstraße zum Fluß, dahinter erheben sich die Plattenbauten der quirligen polnischen Schwesterstadt. Im Görlitz der Gegenwart überschneiden sich noch immer die Entwicklungslinien Alteuropas. Doch es scheint, als hätten sie ihren Anspruch auf Ausschließlichkeit verloren. Um dies zu erkennen, ist das Schlesische Museum ein guter Ort.