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Flüchtlingskoffer am Brückenkopf

Görlitz wird nun nicht Kulturhauptstadt. Die Stadt hat auch so viel zu tun – etwas das Schlesische Museum zu eröffnen

Von Jan Sternberg

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.05.06

Als Ulf Großmann 1982 nach Görlitz kam, an den östlichsten Rand der Republik, war er schockiert. »Damit du's weißt: Du bist hier nicht in Sachsen, du bist in Schlesien«, klärten die Görlitzer den Zuzügler aus Dresden auf. Aber Schlesien gab es doch nicht mehr, und die DDR hatte auch das Wort abgeschafft. Großmann sah sich von Ewiggestrigen umgeben.

Auch Markus Bauer konnte zur selben Zeit mit Schlesien wenig anfangen. An der Uni in Tübingen war man links, Schlesien weit weg und ein Kampfbegriff der Vertriebenenverbände. »Noch heute schauen mich Freunde von damals skeptisch an, wenn ich ihnen erzähle, wo ich gelandet bin«, erzählt Bauer, Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz. Ulf Großmann ist für die CDU Kulturbürgermeister der Stadt. Eine »Horizonterweiterung« nennt Großmann die Jahre nach 1989. Für Bauer und ihn ebenso wie für Görlitz. Die Stadt am Rand und ihre polnische Hälfte Zgorzelec am anderen Neißeufer hatten sich lange den Rücken zugewandt. Jetzt nannte man sich »Europastadt Görlitz-Zgorzelec«, bewarb sich als EU-Kulturhauptstadt 2010, scheiterte vor vier Wochen knapp gegen den Favoriten Essen.

Ein anderes Ziel werden Bauer und Großmann am nächsten Samstag erreichen: Im für knapp 19 Millionen Euro sanierten Schönhof, einem prachtvollen Renaissance-Bürgerhaus, wird die Dauerausstellung des Schlesischen Museums eröffnet. In den verwinkelten Räumen des Schönhofs erzählen tausend Objekte auf zweitausend Quadratmeter Ausstellungsfläche die Geschichte dieser stets umkämpften und umworbenen Landschaft zwischen Polen und Deutschland, zwischen Habsburg und Preußen. Das Museum ist gleich ein doppeltes Politikum: Görlitz braucht nach der Niederlage im Rennen um die Kulturhauptstadt dringend gute Nachrichten von überregionaler Strahlkraft.

In den achtziger Jahren begannen die Menschen von hier fortzuziehen, aus der Stadt am Rand ohne Zukunft. Bis heute insgesamt 30.000. Knapp 57.000 Einwohner hat die Stadt jetzt. Immer noch ziehen viele den Arbeitsplätzen hinterher. Aber es kommen auch welche. Touristen, die die einzigartige Renaissance-Altstadt bewundern. Begüterte Rentner aus dem Westen, die sich dort sanierte Wohnungen kaufen und im Mittelgebirgsland ringsum wandern gehen. Nach der aktuellen Zählung seien in den vergangenen Monaten 40 Menschen mehr gekommen als gegangen, sagt Großmann.

Zur preußischen Provinz Schlesien wurde die stolze Oberlausitzer Stadt Görlitz erst 1815 geschlagen. Seit 1945 ist sie eine Art Brückenkopf. Die Flüchtlingstrecks überquerten die Neiße und hielten inne. Nach 1990 begann die touristische Schlesientümelei ihre (meist harmlosen) Blüten in den Andenkenläden der Altstadt zu treiben. Die Restaurants servieren Schlesisches Himmelreich und Mohnstriezel. Die Heimattouristen mischen sich unter die übrigen Görlitz-Besucher. Für sie ist es ein Zwischenland, ein Atemholen vor dem Weg in die Erinnerung: Man ist schon in Schlesien, aber noch nicht in Polen.

Hier ein Schlesisches Museum zu errichten ist sinnfällig – und bei den holprigen deutsch-polnischen Beziehungen alles andere als einfach. Immerhin stammt die Idee zum heute paritätisch vom Bund und vom Freistaat finanzierten Haus von Herbert Hupka, dem langjährigen Vorsitzenden der Schlesischen Landsmannschaft. Seit den siebziger Jahren trommelte er für ein Museum, damals noch am Standort Hildesheim. Nach der Wende orientierte man sich schnell nach Görlitz. Aber Hupka ist nicht das Problem. Er ist nicht das rote Tuch für die polnischen Politiker und Journalisten, die das Museum mit großem Interesse betrachten. Hupka wird bei der Eröffnung ein Grußwort sprechen. Damit ist gesichert, dass Rudi Pawelka nicht zu Wort kommt. Pawelka, aktueller Vorsitzender der Landsmannschaft, sitzt im achtköpfigen Stiftungsrat des Museums. Er ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender der »Preußischen Treuhand«, die von Polen die Rückgabe ehemals deutschen Besitzes verlangt. Pawelka wird zur Museumseröffnung kommen.

Der freundliche Museumsdirektor Bauer sagt mit allem Nachdruck, den er in seine Stimme legen kann: »Niemand hat uns die Inhalte des Museums vorgeschrieben, und wir würden uns auch nichts vorschreiben lassen.« Ein Zentrum gegen Vertreibungen soll sein Haus nicht sein. »Wer über Schlesien spricht, kann von der Vertreibung nicht schweigen«, sagt er. »Aber wir schildern die Tatsachen – nüchtern, dokumentarisch.« Fast scheint es, als habe man Angst vor einer emotionalen Schau. Andererseits: Werden nicht viele Besucher ihre Emotionen ohnehin mitbringen? Dutzende Flüchtlingskoffer hat das Museum geschenkt bekommen, gezeigt werden vier – und eine Stielpfanne aus Ostpolen, die die gleichfalls vertriebenen neuen Bewohner 1945 mitbrachten.

Bauer erarbeitet gemeinsame Ausstellungen mit polnischen Museen. Alle Texte sind zweisprachig, deutsch und polnisch. In Görlitz, genauer: In der künftigen Doppelstadt Görlitz – Zgorzelec, fällt das schon gar nicht mehr auf. Vieles wird selbstverständlich. Als vor zwei Jahren die Altstadtbrücke nach Zgorzelec gebaut wurde, beschwerten sich Görlitzer über das teure Vorhaben und wünschten sich lieber ein Schwimmbad. Heute wird das Bad gebaut, die Brücke ist fertig. Unter den desinteressierten Blicken der Grenzer schlendern Einheimische und Touristen hin und her.

Besucher kommen mehr denn je, die Kulturhauptstadt-Bewerbung hat viele aufmerksam gemacht. Besonders gern haben die Görlitzer Touristen aus Essen. Die verfielen in heiße Liebe zum südlichen, verschnörkelten, saniert strahlenden Görlitz und sagten dann: »Ihr hättet gewinnen müssen, nicht wir.« Kulturhauptstadt der Herzen. Weitergehen soll es dennoch, immer wenn Geld fließt: Der Brückenpark, das neue Medien-, Kultur- und Stadtzentrum auf den Brachen beiderseits des Grenzflusses Neiße, wird die Niederlage wohl überleben. Und Bauer und Großmann hoffen auf den Zuschlag zur Sächsischen Landesausstellung 2010 zum alten europäischen Königsweg »Via Regia«. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht mit Essen, sagen viele hinter vorgehaltener Hand. Der Rummel hätte die kleine Stadt überfordert. Sie hat schließlich genug zu tun.