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Niemand will vergessen

Aber nur ein Netz von Geschichtswerkstätten in ganz Europa dient der historischen Aufklärung

Von Christina Weiss - Staatsministerin beim Bundeskanzler und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Die Zeit, 01.10.03

Es ist ein eindringliches Bild, das sich dem Besucher am Ende der Dauerausstellung im Schlesischen Museum Görlitz bietet. In einer Vitrine sind Schlüssel ausgestellt. An Haken hängen sie, bündelweise. Große sind darunter, die zu Scheunentoren passen könnten, kleine, mit denen sich vielleicht Wohnungstüren öffnen lassen. An den Schlüsselringen kleben kleine Zettel mit Ortsnamen und Straßen, die keiner mehr nennt. Die Schlüssel passen in kein Schloss mehr, erinnern im Museum an den Heimatverlust in der Folge eines verbrecherischen Krieges, der in das Land zurückschlug, von dem er ausgegangen war. Die Vertriebenen, die die Schlüssel ihrer Häuser mitnahmen, begingen in den Augen der neuen Herrscher eine Straftat. Die Schlüsselgewalt geriet zur Machtfrage. In der neuen Heimat galt dieses Souvenir des Verschwindens, des Verlustes nicht selten als Symbol des Revanchismus, als nostalgisches Relikt einer rückwärtsgewandten Rachelust. Die Museen und Archive kennen viele dieser Geschichten.

Dass in einer Stadt wie Görlitz heute der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gedacht werden kann, wäre vor 14 Jahren noch undenkbar gewesen. In der DDR völlig verschüttet, stieß das Schicksal der zwölf Millionen Heimatvertriebenen im Westen seit den siebziger Jahren auf breites intellektuelles Verdrängen. Seit einiger Zeit nimmt die Offenheit der Diskussion, die Stetigkeit der Aufklärung zu. Wir merken in dieser Debatte um Erinnerung an das erlittene Leid sehr schnell, dass sie sich nur noch auf begrenzte Weise mit innerdeutschen Argumenten führen lässt. [...]

Was genau ist »Vertreibung?«

Wir erforschen heute selbstverständlich die Geschichte des schlesischen Kulturraumes, wissen, dass der Geburtsort Gustav Mahlers nicht mehr hinter dem Eisernen Vorhang liegt, suchen Verbindungen zwischen den Gerhart-Hauptmann-Häusern in Agnetendorf, Erkner und Kloster auf Hiddensee und richten eine Stiftungsprofessur für deutsche Kultur an der Universität Klausenburg ein. Wir sind dabei, Europa neu zu gestalten, was auch bedeutet, seine kulturelle Substanz zu betonen. Aber all dies hat nur dann Sinn, wenn wir uns auch gemeinsam erinnern. [...] Wir brauchen gemeinsame Orte der Erinnerung.

Noch ist es nicht selbstverständlich, dass Deutsche und Tschechen, Litauer und Polen, Rumänen und Ungarn sich ihrer Geschichte gemeinsam stellen. Das Schlesische Museum in Görlitz ist hierin wegweisend und nur ein Beispiel dafür, in welch fürsorglicher Weise die Erinnerung an das kulturelle Erbe der ehemaligen Ostprovinzen in Museen, Instituten und 3500 Heimatstuben bewahrt wird. Der Bund fördert das Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa ebenso wie das Pommersche, das Westpreußische, das Ostpreußische, das Siebenbürgische oder das Donauschwäbische Museum. Die Ostdeutsche Galerie in Regensburg wird ebenso unterstützt wie der Adalbert-Stifter-Verein, das Schaufenster Schlesien, das Kulturzentrum Ostpreußen, die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, das Marburger Herder-Institut oder die Institute für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordost- und Südosteuropa.

Dank der Kulturförderung des Bundesvertriebenengesetzes besitzen wir längst ein dezentrales Netzwerk an Einrichtungen, das Kulturgeschichte bewahrt und Erinnerung ermöglicht, vielleicht aber nicht immer in gebotenem Maße wahrgenommen wird. Dieses bestehende System gilt es noch stärker zu nutzen. [...] Die Chance zur Versöhnung mit dem Osten ist gegeben, wenn es gelingt, mit unseren Nachbarn gemeinsam die Lücken in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu schließen, wenn es möglich wird, nach der Öffnung der Archive die gemeinsame Forschung voranzubringen. Aus diesem Grund unterstütze ich die Forderung des Bundestages nach einem Europäischen Zentrum gegen Vertreibungen.

Ich verstehe darunter einen starken Verbund dezentraler Werkstätten der Erinnerung. Er sollte nicht nur auf Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert spezialisiert bleiben, sondern die Erinnerung an das nationalsozialistische Regime und die kommunistischen Diktaturen ebenso beinhalten wie die Suche nach den historischen Wurzeln des Nationalstaates und der Wahnvorstellung von seiner ethnischen Homogenität. Mir geht es nicht um ein Museum oder eine Erinnerungsstätte, nicht um einen Ort der Ab- und Aufrechnung. Mir geht es vor allem um eine wirksame historische Aufklärung. [...]

Der Schlüsselkasten von Görlitz

[...] Wer der Bundesregierung vorwirft, die Auslöschung der Erinnerung zu betreiben, das organisierte Vergessen zu organisieren, negiert bewusst, wie fruchtbar das Bundesvertriebenengesetz in fünf Jahrzehnten tatsächlich gewirkt hat. Die Sammlungen in Münster oder Lüneburg, in Ulm oder Gundelsheim sind Beweis für einen aufrichtigen Umgang mit deutscher Kulturgeschichte in den ehemaligen Ostprovinzen. Dies geschieht seit Jahren ohne Hass, ohne Aufrechnungen, ohne Ressentiments. Ein Zentrum gegen Vertreibungen würde zwangsläufig all diese Einrichtungen überflüssig machen. Daran kann niemandem gelegen sein. Um ihre Zukunft »in Vielfalt geeint« zu gestalten, müssen sich die Völker Europas ihrer Geschichte erinnern. Wir können die Zukunft nicht gestalten ohne die Kenntnis der Vergangenheit. Der Schlüsselkasten von Görlitz gehört dazu.