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Görlitzer Schlüsselerlebnisse

Im Schlesischen Museum wird sehr behutsam an die Vertreibung erinnert

Von Reiner Burger

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.03

GÖRLITZ, 2. September. Kürzlich verlangte eine junge Polin aufgeregt, den Direktor des Schlesischen Museums in Görlitz zu sprechen. Das große schwarze Brett habe sie aufgewühlt und wütend gemacht. 13 Schlüssel und Schlüsselbünde hängen an dem Brett, einer steckt sogar noch in einem mächtigen Vorhängeschloss. Darüber steht, zu welchen Häusern sie gehörten und wer die Häuser einst besaß. Die junge Frau witterte nicht etwa deutschen Revanchismus. Sie war vielmehr wütend auf ihre Lehrer daheim in Polen. Systematisch sei sie hinters Licht geführt worden. Nie habe man in der Schule die Wahrheit über die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien erfahren. »Dann erzählte sie mir noch, dass ihre Großmutter einst aus Galizien vertrieben worden war und auch einen solchen Schlüssel hatte«, berichtet Museumsdirektor Martin Bauer.

Die Schlüsselwand im Schlesischen Museum sei aber vor allem für Vertriebene der Schlüssel zum Erzählen. Sie erinnern sich dann daran, dass es eigentlich verboten war, die Schlüssel mitzunehmen. Die neuen Machthaber hatten dekretiert, dass die Schlüssel beim Verlassen der Häuser von außen in die Türen gesteckt werden mussten. Bauer sagt, manchmal habe er den Eindruck, die Menschen erzählten ihre Geschichten zum ersten Mal. Tatsächlich war es Schlesiern zu DDR-Zeiten verboten, öffentlich über ihre Vertreibung zu reden. Das Wort Schlesien galt als Unwort. So weit reichte die Tabuisierung, dass es in Restaurants bis 1989 kein »Schlesisches Himmelreich« geben durfte.

Seit Dezember 2001 ist das Schlesische Museum am Görlitzer Untermarkt provisorisch im Haus zum Goldenen Baum untergebracht. Es ist die vorerst letzte Etappe des langen Wegs zu einer zentralen Institution für die Sammlung, Präsentation und Erforschung schlesischen Kulturguts. Noch in den fünfziger und sechziger Jahren entstanden, von Staats wegen gefördert, in westdeutschen Städten private Sammlungen. In den siebziger Jahren regte die Landsmannschaft schließlich an, ein Museum für Schlesien zu errichten, und 1982 beschloss der Bundestag eine »Grundsatzkonzeption zur Weiterführung der ostdeutschen Kulturarbeit«. Die neuen Museen sollten Landesmuseen mit einem breiten kulturgeschichtlichen Ansatz werden. Geschichte, Geistesleben, Kunst, Architektur und Volkskunde seien ebenso zu berücksichtigen wie Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schlesier, Donauschwaben, Pommern, Ostpreußen und Sudetendeutschen. Als Standort für das Schlesische Museum war Niedersachsen - das Partnerland der Schlesier - vorgesehen. Dank der Wende konnte das Projekt nach Görlitz verlegt werden. Görlitz liegt nicht nur direkt an der polnischen Grenze, sondern gilt noch immer als »Tor zu Schlesien«.

Wenige Orte sind zudem so mit dem Thema Vertreibung verbunden wie Görlitz: Im Ostteil - dem heutigen Zgorzelec - mussten Deutsche ihre Heimat verlassen. Zugleich war Zgorzelec Ziel von Vertreibung, denn die Mehrheit der Polen, die dort angesiedelt wurden, kam nicht aus freien Stücken. Auch war Görlitz Durchgangsort für Vertriebene auf dem Weg nach Westen. Schon im vergangenen Jahr hat sich die Stadt deshalb für das Projekt eines Europäischen Zentrums gegen Vertreibungen ins Gespräch gebracht. Und erst jüngst, als eine heftige Debatte über das Konzept der Stiftung »Zentrum gegen Vertreibungen« und den geplanten Standort Berlin entbrannte, nannte der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski unter anderem »Görlitz/Zgorzelec« als geeignete Stadt für ein »Zentrum, in welchem menschenrechtswidriges Handeln und Umsiedlungen in Europa historisch erforscht« werden könnten. Im Berliner Projekt jedenfalls sieht Bartoszewski einen neuen deutschen Chauvinismus und eine gegen Polen gerichtete selektive Erinnerungskultur.

Wie behutsam sich das im Aufbau befindliche Görlitzer Museum mit der Erinnerung an das alte, von Deutschen geprägte Schlesien beschäftigt, wird schon am Titel der ersten Ausstellung »Auf der Suche nach Schlesien« deutlich. Das liegt nicht nur am stets präsenten Thema Vertreibung. Schlesien ist seit 1945 ein so vager Begriff geworden, dass nicht nur die Jüngeren kaum noch wissen, wo genau die Region liegt. Die Ausstellung beginnt deshalb mit einer überdimensionalen Karte vom Land an der Oder. In anderen Räumen werden schlesische Landschaften wie das Riesengebirge und Städte wie Breslau und schlesisches Kunsthandwerk vorgestellt. Von der Vertreibung ist erst ganz zuletzt die Rede. Sehr intensiv bemühen sich die Museumsleute durchgängig um beide Perspektiven - die polnische und die deutsche. Alle Ausstellungstexte stehen gleichberechtigt auf deutsch und auf polnisch nebeneinander.

Im Jahr 2005 soll das von der Bundesrepublik, dem Freistaat Sachsen, der Stadt Görlitz und der Landsmannschaft Schlesien getragene Schlesische Museum in den Schönhof ziehen. Zentrales Thema wird wie bisher das Nebeneinander verschiedener Sprachen, Konfessionen und Mentalitäten auf schlesischem Boden, die sprichwörtliche »schlesische Toleranz«, sein sowie die Chance, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, das von Unterdrückung, Krieg und Vertreibung geprägt war, eine neue Rolle Schlesiens als Brückenregion in Europa zu entwickeln.

Solange noch Vertriebene leben, habe das Schlesische Museum zudem für manchen Besucher eine »Hafenfunktion«, sagt Direktor Bauer. Immer wieder stiften Vertriebene ihre persönlichen Erinnerungsstücke: Kleiderbügel aus Breslau mit deutscher Aufschrift oder Fluchtrucksäcke. Bauer könnte allein damit eine ganze Ausstellung gestalten. Er weist die Gaben jedoch nicht zurück, weil die Nachkommen vieler Vertriebener den ideellen Wert der Gegenstände nicht mehr erkennen könnten. [...]

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