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Museum in Görlitz betritt heikles historisches Terrain

Auf der Suche nach Schlesien. In der Grenzstadt bemüht man sich um die Kooperation mit polnischen Wissenschaftlern.

Von Jens Schneider

Süddeutsche Zeitung, 08.04.03

[...] Wenige hundert Meter vom Grenzfluss Neiße entfernt ist das Museum mit einer Ausstellungsfläche von 300 Quadratmetern provisorisch im Haus zum Goldenen Baum am Görlitzer Untermarkt untergebracht. Im Jahr 2005 soll die eigentliche, größere Ausstellung nebenan im Schönhof, einem feinen Renaissancebau aus dem Jahr 1526, eröffnet werden, der für acht Millionen Euro saniert wird. Das vom Bund, dem Land Sachsen, der Stadt und der Landsmannschaft Schlesien getragene Museum soll gleichermaßen deutsche und polnische Perspektiven berücksichtigen. »Wir müssen zeigen, dass in Schlesien Menschen leben, die eine Haltung zur Geschichte ihrer Region finden wollen«, sagt Bauer. Einer Geschichte, die sich jetzt oft von allein in Erinnerung bringt, wenn in Görlitz wie in Zgorzelec jenseits der Neiße durch das Abbröckeln der Farbe alte deutsche Werbeschriften zum Vorschein kommen.

Was immer das Thema sei - die Diskussion komme stets bei der Vertreibung an, sagt Bauer. Die Stimmung sei dabei keineswegs revanchistisch. Bauer überrascht immer wieder, wie aufmerksam Besucher jeden Kommentar zu den Exponaten lesen, wie polnische Gäste die Übersetzungen prüfen. Alle Texte sind gleich groß auf Polnisch und Deutsch gedruckt. Wie behutsam sich das im Aufbau befindliche Museum auf dem schwierigen Terrain voran tastet, lässt sich am Titel der ersten Ausstellung »Auf der Suche nach Schlesien»« ablesen. »Wir vollführen aber keinen Eiertanz«, sagt Bauer. »Tatsachen werden als Tatsachen benannt.« Keinesfalls will man ein schlesisches Heimatmuseum sein; viele Vertriebene, die das Museum besuchen, vermissen sogar die Brauchtumspflege. Dass das Haus die bedeutendste existierende Privatsammlung von Künstlern der Breslauer Akademie aus dem 20. Jahrhundert erworben hat, ist für sie kein Ersatz.

Brandts Kniefall

Bei der Präsentation der heiklen Geschichte nach 1945 wird viel auf Zitate gesetzt, auf Fotos von Aufmärschen bei Vertriebenen-Treffen genauso wie auf Zeichen der Versöhnung, etwa Willy Brandts Kniefall in Warschau. Alltägliche Überbleibsel erinnern an das früher deutsche Schlesien, etwa Kleiderbügel aus dem alten Breslau mit deutscher Aufschrift. Solche Erinnerungsstücke könnte Bauer mittlerweile Tausende ausstellen; täglich erhält er Anrufe von ehemaligen Schlesiern, die ihre Privatbestände anbieten.

Intensiv bemüht sich das Museum um die Kooperation mit Polen. Wissenschaftler aus Breslau und Oppeln haben bereits Vorträge gehalten. Bei einer Rundreise zu polnischen Museen in Schlesien habe er von deren Leitern viel positive Resonanz erlebt, berichtet Bauer. »Da ist auch große Neugier vorhanden, wie die Deutschen mit diesem Thema umgehen werden.« Offiziell hört man von polnischer Seite denn auch keinerlei Bedenken. Aber Bauer spürt, dass sich auch einige Skepsis darin ausdrückt, wenn etwa ein polnischer Museumsdirektor nachfragt, ob denn Görlitz überhaupt zu Schlesien gehöre. »Manche haben ein bisschen den Verdacht«, sagt Bauer, »dass wir uns hier etwas anmaßen.« Bauer setzt sich dafür ein, dass bei der Entwicklung einer endgültigen Konzeption des Museums unbedingt polnische Wissenschaftler, etwa auch im Beirat, einbezogen werden. [...]